Von Jürgen Dahl

Die Nachricht aus Düsseldorf könnte hoffnungsvoll stimmen: Auf einem Kolloquium der Kommission „Reinhaltung der Luft“ des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) einigten sich Experten, für den Gehalt der Luft an Blei, Zink und Cadmium einen oberen Grenzwert vorzuschlagen, dessen Einhaltung Gesundheitsschäden durch diese Schwermetalle vermeiden soll.

In der Fachsprache heißt dieser Grenzwert „MIK“, das heißt: „Maximale Immissions-Konzentration“ pro Kubikmeter Atemluft. Einen solchen MIK-Wert gibt es bisher für Blei, Zink und Cadmium sowenig wie für unzählige andere Stoffe, die in der Luft vorhanden sein können und gesundheitliche Risiken bergen. Mit anderen Worten: Es kann heutzutage ein Hüttenwerk beliebig viel Blei oder Zink und eine Müllverbrennungsanlage beliebig viel Cadmium in die Luft blasen – solange nicht jemand tot umfällt und anschließend den Nachweis führt, wer ihn womit vergiftet hat, passiert überhaupt nichts. Der Nachweis aber ist um so schwieriger, als die Vergiftung schleichend, ihre Zeichen nicht eindeutig und ihre Quellen unzählbar sind. Wenn in Nordenham, wo die Blei- und Zinkhütten gleich nebenan liegen, 130 Kühe notgeschlachtet werden müssen, dann läßt sich der Zusammenhang natürlich nicht leugnen – aber beim Menschen ist die Notschlachtung nicht üblich, daß jemand krank ist, fällt also nicht weiter auf: Dafür sind die Krankenkassen zuständig, nicht aber die „Verursacher“. Dabei wäre es einfältig, anzunehmen, wo die Kühe notgeschlachtet werden müssen, könnten die Menschen unbeschädigt bleiben.

Die Wirkung der drei Schwermetalle, um die es in Düsseldorf ging, ist vielfältig und oft unspezifisch. Das heißt: Es ist nicht möglich, bei Krankheiten oder Krankheitssymptomen Blei, Zink oder Cadmium als eindeutige Ursache dingfest zu machen. Blei führt zur Enzymblockierung bei der Hämoglobinsynthese und behindert möglicherweise die Ausscheidungstätigkeit von Niere und Leber, verursacht Zellschädigung, hat vielleicht auch mutagene Wirkung und kann in den Knochen abgelagert werden (mit der Möglichkeit späterer Mobilisierung solcher Depots beim Eintreten hoher Belastungen des Körpers). Cadmium ist hochgiftig; es wird in der Leber und den Nieren gespeichert, nur sehr langsam abgebaut und kann Schäden an der Lunge, den Nieren und den Knochen (wie die Itai-Itai-Krankheit in Japan) hervorrufen. Zink schließlich ist ein biologisch notwendiges Element, ein Mangel hat Zwergwuchs zur Folge, aber wie sich ein ständiger Zink-Überschuß auswirkt, ist noch ziemlich unbekannt; nur soviel weiß man, daß sehr hohe Dosen Organschäden zur Folge haben.

So lückenhaft und voller Unsicherheiten die Liste der Wirkungen ist, so weitverbreitet sind die drei Schwermetalle in der Atemluft. Das Blei ist durch den Straßenverkehr allgegenwärtig. Zink und Cadmium (die chemisch nahe verwandt sind und deshalb fast immer zusammen vorkommen) haben große technische Bedeutung und finden sich überall dort, wo sie gewonnen oder verarbeitet werden. Cadmium dient unter anderem als Stabilisator bei der Kunststoffherstellung und wird bei der Verbrennung von Kunststoffmüll frei, ist aber auch im Zigarettenrauch in beträchtlichen Mengen enthalten.

Alle drei Schwermetalle werden vom Menschen mit der Atemluft aufgenommen, gelangen aber auch in den Boden (teils durch Ablagerung von Staub, teils auf anderem Wege), von dort ins Gemüse und in die Futterpflanzen der Nutztiere und auf diesem Umweg wieder in die menschliche Nahrung. Daß die Pflanzen an den Straßenrändern bleihaltig sind, weiß inzwischen jedermann, daß man mit einer Gemüsemahlzeit in bestimmten Industriegebieten mehr als die vertretbare Tagesdosis Blei und Cadmium aufnehmen kann, war in Düsseldorf zu erfahren – Grund genug also, über MIK-Werte nachzudenken.

Die Experten in Düsseldorf, Mediziner und Biologen, einigten sich auf folgende Werte: 2 Mikrogramm (millionstel Gramm) Blei, 100 Mikrogramm Zink und weniger als 0,05 Mikrogramm Cadmium pro Kubikmeter Luft.