Beim Zink gibt es eine große Schwierigkeit: Der Wert von 100 Mikrogramm ist für Mensch und Tier möglicherweise vertretbar – aber Pflanzen sind da viel empfindlicher, sie vertragen nur 2 bis 4 Prozent dieses Wertes; wird dieser Prozentsatz überschritten, dann zeigen sie erhebliche Wachstumsstörungen. Die Akzeptierung des vorgeschlagenen MIK-Wertes für den Zinkgehalt der Luft würde also bedeuten, daß man Schäden für die Vegetation, wie sie im Bereich von Zinkhütten längst die Regel ist, in Kauf nimmt.

Die Düsseldorfer Vorschläge beruhen auf experimentellen oder klinischen Untersuchungen, deren Ergebnisse durchaus kein umfassendes Wissen, sondern nur ein verbessertes Nichtwissen darstellen. Eine (aber auch wirklich nur eine) der zahlreichen Wissenslücken betrifft zum Beispiel die synergetischen Wirkungen der Schwermetalle: Man untersucht die direkten Wirkungen einzelner Stoffe, aber ihr Zusammenwirken im Organismus ist der Nachprüfung nur schwer zugänglich. Das wenige, was bekannt ist, macht es höchst wahrscheinlich, daß da noch manche Überraschung möglich ist. So weiß man zum Beispiel, daß die Inhalation von Blei, selbst wenn sie keine direkten Schäden zur Folge hat, die Fähigkeit zum Abbau des krebserzeugenden Benzpyren vermindert. Und beim Cadmium könnte sich herausstellen, daß der Organismus dort, wo er normalerweise das lebensnotwendige Zink "benutzt", auch das chemisch nah verwandte, aber schädliche Cadmium mitverwendet: Risiken von kaum abschätzbarer Bedeutung, Zusammenhänge von kaum je aufzuklärender, Kompliziertheit.

Mit jenen Düsseldorfer Vorschlägen aber nehmen die eigentlichen Schwierigkeiten erst ihren Anfang. Die Zahlen, auf die man sich dort geeinigt hat, sind nichts als eine Meinungsäußerung der versammelten Experten, den MIK-Werten steht jetzt der lange Weg durch die Institutionen bevor. Sie werden zunächst von den Ausschüssen des VDI geprüft – nicht so sehr auf ihre sachliche Berechtigung, als vielmehr darauf, ob es denn technisch überhaupt möglich und "wirtschaftlich vertretbar" erscheint, diese Grenzwerte verbindlich zu machen.

Das Verfahren dauert ein bis zwei Jahre, und selbst wenn die Werte bestätigt werden, bleiben sie immer noch vergleichsweise unverbindlich: Sie sind dann eine an die Legislative gerichtete Empfehlung, diesen Werten Gesetzeskraft zu verleihen. Aber selbst wenn dies geschieht, ist der Leidensweg der MIK-Werte noch nicht zu Ende, denn dann müssen die Immissionswerte in Emissionswerte umgedeutet werden. Das heißt: Unter sorgfältiger Berücksichtigung von Standort- und Wettbewerbsfragen ermittelt man, wieviel Blei oder Zink oder Cadmium die einzelnen Betriebe eines Gebietes emittieren dürfen, damit dort der MIK-Wert eingehalten wird. Kaum nötig, darauf hinzuweisen, daß da von vornherein die Möglichkeit vorgesehen ist, durch im Notfall etwas höhere Schornsteine nur für weitere Verbreitung und Verdünnung der Emissionen, statt für ihre Vermeidung zu sorgen; für andere "Härtefälle" ist auch dadurch vorgesorgt, daß eine eigentlich zu viel emittierende neue Anlage dann gebaut werden darf, wenn sie den Ersatz für eine noch mehr emittierende ältere Anlage ist. Selbst die bescheidensten MIK-Werte müssen nicht so heiß gegessen werden, wie sie gekocht werden.

Während die Mediziner und Biologen erst beginnen, den ganzen Umfang tatsächlicher und möglicher Schäden zu ermitteln, während Kühe verrecken und Koniferen verkrüppeln und manche. Schweineleber verkauft wird, die man vielleicht gar nicht verkaufen sollte, während all dies geschieht, werkeln die einschlägigen Fabriken weiter vor sich hin, als wäre nichts, stoßen Blei und Zink und Cadmium aus, und die MIK-Werte werden, bevor man sie den politischen Instanzen als den zur Zahl geronnenen Sachverstand offeriert und um gelegentliche Berücksichtigung bittet, von den Verursachern selber daraufhin überprüft, ob sie denn überhaupt "wirtschaftlich vertretbar" sind. Ob angesichts dessen, was in Düsseldorf teils zu hören, teils zu ahnen war, das Hantieren mit Blei, Zink und Cadmium unter freiem Himmel überhaupt vertretbar ist – die Frage wird gar nicht erst gestellt. Es gibt ja Krankenkassen.

Unter dem Titel "Blei im Nacken" berichtet Michael Globig im ZEITmagazin dieser Woche über eine Untersuchung an bleibelasteten Kindern aus Nordenham.