Bremen

Als die Kotbrühe unter die Betten schwappte, hatte die Innere Mission die Nase voll. Sie teilte mit, das Übernachtungsheim, Bahnhofsbunker genannt, werde zum 31. März 1973 geschlossen. Im Betonverlies unter Tage an Bahnhof der schönen, wohlhabenden Stadt Bremen haben seit 1945 mehr Menschen gehaust, als Hamburg Einwohner hat: an die zwei Millionen. Zuerst nach dem Kriege Flüchtlinge, dann Gelegenheitsarbeiter, Alkoholkranke, Gescheiterte, Lebensschwache.

Die Frauenabteilung wurde in den fünfziger Jahren aufgelöst. Dorothea Borgmann, die Hausmutter der weiblichen und männlichen Unterirdischen, ist längst tot. Nach ihr versuchten noch manche Sozialarbeiter, den Outsidern menschenwürdige Verhältnisse zu bieten, aber der brüchige Kriegsbunker wurde immer brüchiger. Zuletzt schwemmten Fäkalien durch die zerlöcherten Kanäle. Da riß der Inneren Mission, der Verwalterin dieses sozialen Ungeheuers, der Geduldsfaden.

Am Tage der Entscheidung waren noch 156 Männer im Bunker. Und sogleich setzte Geschrei von allen Seiten ein. Die Sozialbehörde fand unfreundlich, daß die Innere Mission „so abrupt“ handelte; man hätte doch zuerst einmal reden können, hieß es. Die zuständigen parlamentarischen Ausschüsse protokollierten „mit Betroffenheit“ die Situation. Der zuständige Senator, Frau Bürgermeister Mevissen, versprach Aktivitäten für diese „Randgruppen“, erinnerte daran, wie vorzüglich Bremen im Vergleich mit anderen Bundesländern mit seinen Obdachlosen fertig wird, und ermahnte die Bevölkerung, Mitverantwortung für die Schwachen im Lande zu übernehmen.

Daran hat es in der Tat zwanzig Jahre lang gefehlt. Siebenmal wollte die Innere Mission ein Männerwohnheim über der Erde bauen, das Geld war da. Siebenmal scheiterte der Versuch an den wütenden Protesten der Anwohner. Sobald ein Grundstück ausgewiesen war, rannten die Leute zum Kadi. Den trostlosen Prozeßreigen führte eine evangelische Kirchengemeinde an: Evangelische Jakobigemeinde in der Kirchstraße kontra Innere Mission. Die Gemeinde setzte sich mit ihrem Argument durch, eine Anhäufung sozialer Einrichtung in ihrem Kirchsprengel sei unzumutbar, und ermutigte die Weltkinder – Ortsbeiräte, Nachbarschaften –, ebenfalls vor Gericht zu ziehen, wenn ruchbar würde, in der Nähe solle das Wohnheim der Inneren Mission entstehen.

Alle rangen die Hände und erregten sich verbal – auch die oberste Sozialbehörde in der auf sozialen Fortschritt so stolzen Hansestadt. Aber die Bunkerinsassen atmeten weiter Gestank ein und sahen mit lethargischem Staunen, was alles über ihren Köpfen gebaut wurde. Der Bunker am Bahnhof wurde ein peinliches Thema. Machtworte von Kirche und Staat, endlich für die sozial Schwächsten zu bauen, die blieben aus; jede Seite hatte (und hat) wortreiche Gründe dafür. Der Schwarze Peter geht nun, kurz vor der Schließung des Verlieses, reihum.

Das sozialdemokratische Bremen tut sich mit der Unterbringung von 156 Bunker-Männern erstaunlich schwer. Ein Teil hat möblierte Zimmer gefunden, andere sollen in einer Wohngemeinschaft der Inneren Mission unterkommen, bis ein – aus guten Gründen verschwiegenes – Bauprojekt realisiert werden kann. Jugendliche Besetzer eines leerstehenden Hauses wollten die Bunkerleute bei sich aufnehmen. Die Sozialbehörde erwog, obdachlose Männer aus dem Bunker in der Nähe von Sozialwerkstätten für Behinderte unterzubringen. Da empörten sich die Eltern der geistig behinderten Kinder aus Angst um ihre reaktionsschwachen Jungen und Mädchen. Jeder ist eigentlich im Recht, das macht die Sache so verworren.

Rund 50 Männer sind noch übrig. Sie verstehen nicht, warum sie da unten weg müssen. Kot- und Urinbrühe unter den Doppelstockbetten regt sie nicht mehr auf. Sie haben Angst vor dem, was „oben“ auf sie wartet, auch wenn jeder ihnen versichert, es werde alles viel besser. Ein Bremer Dompastor hat vor Jahren einmal da unten genächtigt. Er hat das trostlose Domizil ironisch das Hotel de la Beton genannt. Er sagte, es lebe sich nicht einmal schlecht unter der Erde, „wo Christen nicht mehr hinzusehen wagen, wo die große Welt über den Köpfen der Ausgestoßenen spazierengeht“. Lilo Weinsheimer