Der Präsident eilte den Ereignissen weit voraus: Auf der jährlichen Pressekonferenz des Möbeleinkaufverbandes „Europa-Möbel“ verriet Josef Horbach, daß seine Vereinigung künftig mit der Konkurrenz-Organisation Musterring kooperieren werde.

Die zwischen beiden Gruppen angestrebte und von Horbach bereits als vollzogen angesehene Zusammenarbeit würde den deutschen Möbelhandel zweifellos radikal verändern. Gemeinsam wären Europa-Möbel und Musterring nämlich mit Abstand Deutschlands mächtigstes Branchenunternehmen. Schon für sich genommen ist jede der beiden Gruppen ein Gigant. Unter dem Namen Europa-Möbel verkauften im letzten Jahr 169 Händler in 274 Geschäften Einrichtungsgegenstände im Wert von rund 1,3 Milliarden Mark. Musterring, in rund 260 Häusern vertreten, meldet einen ähnlich hohen Umsatz. Bei einem Gesamtumsatz der Branche von rund 15 Milliarden Mark würden beide Gruppen knapp 20 Prozent des Verkaufs auf sich vereinigen.

Schwierig gestalten sich die Verhandlungen beider Ketten über eine Kooperation vor allem durch eine sehr unterschiedliche Struktur: Während Musterring als „Modellverband“ Schlaf- und Wohnzimmermöbel entwirft und produzieren läßt, um sie dann an Fachhändler mit Musterring-Lizenz zu verkaufen, ist Europa-Möbel ein Einkaufsverband. Der Verband, an dem die einzelnen Händler als Kommanditisten beteiligt sind, stellt aus den Angeboten der Möbelindustrie eine Kollektion zusammen, die den Kommanditisten zum Kauf offeriert wird. Neben diesem organisatorischen Unterschied werden Europa-Möbel von der Branche als preislich und stilistisch unterhalb des Musterring-Angebots eingeordnet.

Nicht nur die Branche selbst zeigte sich von der verfrühten Botschaft des Präsidenten überrascht. Auch der Kooperationspartner erfuhr erst aus der Zeitung, daß er mit der Konkurrenz bereits einen Pakt geschlossen haben sollte: Im Branchen-Fachblatt, „Möbelmarkt“, korrigierte Bruno P. Höner, Musterring-Geschäftsführer, die Sensationsmeldung.

Höner bestätigte jedoch, daß zwischen Musterring und Europa-Möbel Gespräche über Möglichkeiten und Grenzen einer Zusammenarbeit geführt wurden. Als Beispiele nannte der Musterring-Chef mehrere Gebiete, auf denen ein gemeinsames Interesse besteht. Kooperationsbereit zeigt sich Höner in der Verkäufer-Schulung, in der Forschung und bei der elektronischen Datenverarbeitung. Auf allen anderen Gebieten sollte aber auch in Zukunft die absolute Selbständigkeit beider Gruppen gewahrt bleiben.

Das Mißverständnis um Europa-Möbel und Musterring ist charakteristisch für die derzeitige Situation der Branche: Krampfhaft suchen die traditionellen Fachhändler nach neuen Wegen, um sich der ständig stärker werdenden Konkurrenz durch Neulinge und Außenseiter zu erwehren. Seit Jahren registrieren die Fachhändler eine wachsende Unlust des Konsumenten, im Möbelhaus seine Wohnungseinrichtung zu kaufen.

Noch vor zehn Jahren wurden 75 Prozent aller verkauften Möbel vom Fachhändler geliefert. 1972 waren es nur noch knapp 63 Prozent. Andere Vertriebsformen konnten dagegen ihren Anteil am Markt erheblich ausweiten. DieGewinner: Verbrauchermärkte und Warenhäuser.