1. April 1973

Der Plan des Frankfurter Oberbürgermeisters, die teuren Stadttheater einschließlich Oper zu schließen und statt dessen Leute, die partout ins Theater wollen, kostenlos nach München zu fliegen (was billiger sei), hat Schule gemacht. In München soll die Schließung aller Hallenbäder bevorstehen; ihre Unterhaltung ist so teuer, daß dafür täglich 2794 Badeversessene nach Teneriffa geflogen werden können. In Hamburg überlegt der Innensenator zusammen mit Hagenbecks Erben, ob der Millionen verschlingende Tierpark aufgelöst und statt dessen kostenlose Charterflüge nach dem Naturschutzpark der Serengeti angeboten werden. Im Wiesbadener Kultusministerium wird erwogen, an allen Schulen die Deutschstunden zu streichen, für deren Rahmenrichtlinien das Ministerium so viel Undank geerntet hat, und die Schüler statt dessen in die Fabriken zu schicken, wo sie Interessenkonflikte und Kommunikationsschwierigkeiten am unmittelbarsten erfahren können.

Die Fachgruppe Schriftsteller in der IG Druck und Papier hat Kampfmaßnahmen angekündigt. Im Namen ihres Vorstands sagte Reinhard Baumgart in einem Interview mit dem Kulturmagazin „Titel, Tüttel und Tadel“: „Wir können es uns nicht länger bieten lassen, daß einige von uns von der Verlagsindustrie zur Abfassung von Kochbüchern genötigt werden, welche mit Rezepten der bürgerlichen Küche’ auch bürgerliches Bewußtsein zur Distribution bringen. Wir verlangen, als echte Proletarier, die wir sind, für unsere Kollegen die Möglichkeit, in ihren Werken der Sache der proletarischen Küche zu dienen. Endlich müssen die Bücher über die Pellkartoffel ans Licht! Und wenn die bürgerliche Presse, die ich bekanntlich seit langem bekämpfe, uns ignoriert und verhöhnt: wir werden sie solidarisch niederzwingen, Romanautoren, Heftchenschreiber, Freizeitdichter, Schulfunkmitarbeiter.“ Ob die IG Druck dem Antrag der Schriftsteller auf eine Urabstimmung über einen Streik folgt, ist zur Stunde jedoch mehr als fraglich. Eine Blitzumfrage des „Spiegel“ unter den 150 000 Setzern, Druckern und Metallarbeitern der IG Druck ergab, daß die große Mehrheit von ihnen auf Kochbücher zur „bürgerlichen Küche“ wert legt.

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Dem Göttinger Historiker Heimpel widerfuhr dieser Tage eine späte, aber glänzende Rechtfertigung. Bekanntlich hatte der Gelehrte vor rund zwanzig Jahren verkündet, die deutsche Universität sei „in ihrem Kern gesund“. Sein Wort war damals nicht nur auf Zustimmung gestoßen. Vor allem in den sechziger Jahren, als es hier und da zu Studentenunruhen kam und einige jugendliche Radikale ihre Ordinarien pexierten, hatte es Widerspruch erregt. Eine Studienkommission zur Erforschung unserer hohen Schulen stellte nun fest, die Universitäten seien im Heimpelschen Sinne wieder kerngesund. Ihre Irrwege in den sechziger Jahren hätten sich in überzeugender Weise als Holzwege herausgestellt. Alle gegenteiligen Äußerungen kämen dem Tatbestand der üblen Nachrede nahe und sollten verfolgt werden. Die Studienkommission, die ihren Bericht einstimmig verabschiedete, setzt sich zu gleichen Teilen aus Jusos, Mitgliedern des MSB Spartakus, der Westdeutschen Rektorenkonferenz und Ministerialbeamten aus den Hochschul abteilungen der Länder zusammen.

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Zum fünfunddreißigsten Todestag Ödön von Horváths am 1. Juli 1973 plant der Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Schauspielhaus einen Abend mit Heurigenliedern, an dem, in der Inszenierung Peter Palitzschs, internationale Künstler wie Heintje, Joy Fleming, Harry Belafonte, John Lennon, Georg Kreisler und Hanna Schygulla mitwirken werden. Ernst Schröder, der die Conférence übernehmen soll, will eine Prosa-Version des Walzers „Geschichten aus dem Wienerwald“ auf Kosten des Brathendl-Unternehmens zur szenischen Gestaltung bringen. Giorgio Strehler, Peter Brook und Ingmar Bergman haben Telegramme zu dieser Veranstaltung zugesagt. Um den sozialkritischen Charakter dieser Gala zu unterstreichen, sollen die Eintrittskarten nicht über 100 Mark kosten, und statt des Fracks wird den Besuchern der Smoking nahegelegt.