Von Iring Fetscher

Zum Andenken an den hundertsten Geburtstag von Rosa Luxemburg hat der japanische Zeithistoriker Narihiko Ito zum ersten Male 184 Briefe und Dokumente publiziert, die neues Licht auf den Menschen Rosa Luxemburg werfen und die Periode von 1914 bis 1918, die sie meist im Gefängnis zubrachte, illustrieren –

„Rosa Luxemburg und andere Briefe an Mathilde Jacob (1913–1918)“, herausgegeben und mit einem Vorwort von Narihiko Ito; Gendaishi-Kenkyukai, im Verlag Kyokuto-Shoten, Tokio 101–91, 2-2-Kanda Jimbocho; 248 S., 6500 Yen (etwa 65,– DM).

Abschriften dieser Briefe – meist von Rosa Luxemburg, einige von Clara Zetkin, Franz Mehring, Hans Diefenbach –, die sich Mathilde Jacob angefertigt hatte, fand Professor Ito in der New Yorker Buttinger-Bibliothek und in der Hoover Institution on War, Revolution and Peace in Stanford, die auch die meisten Originalbriefe besitzt.

Da Mathilde Jacob die ständige Verbindung zwischen Rosa Luxemburg und ihren politischen Freunden aufrecht erhielt, nahm Ito an, er werde auch politische Bemerkungen in diesen Briefen finden. Die strikte Zensur aller Briefe schloß aber wohl jede solche Möglichkeit aus. Den Hinweis im Brief vom 29. April 1917 auf Rußland deutet Ito wohl zu Unrecht als „politisch“. Sie schreibt dort: „Grämen Sie sich doch nicht so über den Haftbefehl. Ich kann wirklich nichts dagegen machen Nur die Idee mit Rußland wälze ich jetzt im Kopf. Vielleicht entschließe ich mich zu einer Eingabe in diesem Sinne, aber (ob) es fruchtet? Eine große Frage!“ Diese Sätze gehören offenbar zusammen. Vermutlich bedeuten sie, daß Rosa Luxemburg angesichts des bevorstehenden Kriegsendes im Osten erwog, ihre russische Staatsangehörigkeit wieder zu aktivieren, um auf diese Weise frei zu kommen. Ein Gedanke, den ihr vielleicht Freunde nahegelegt hatten. Wenn man bedenkt, daß im Sommer 1917 der deutsche Generalstab Lenin freies Geleit nach Rußland gewährte, ist der Gedanke so abwegig nicht.

Was erfährt man nun aber aus diesen Briefen? Man bekommt ein Bild vom Gefängnisalltag, von Rosa Luxemburgs intensiver Arbeit an der Übersetzung von Korolenkos „Geschichte meines Zeitgenossen von ihren Leiden, ihren Stimmungen, ihrer Lektüre vor allem. Wie schon in den Briefen an Luise Kautsky und vor allem an Sonja Liebknecht drängt sich einem die große Naturliebe Rosa Luxemburgs auf, ihre profunde Kenntnis der Pflanzen- und Tierwelt, ihre Liebe zu den Vögeln, von denen sie einige sogar in ihrer Zelle gesundpflegt. Der Tod ihrer Katze Mimi, den Mathilde Jacob ihr monatelang ver heimlicht hatte, spielt eine große Rolle. Alles Züge, die zu erwähnen man sich scheut, weil sie so oft zur kitschigen Verniedlichung der sozialistischen Theoretikerin und Revolutionärin benutzt worden sind. Aber dennoch bleibt es wohl wahr, daß die tiefste Wurzel auch ihrer revolutionären Aktivität eine große und umfassende Liebe zur leidenden Kreatur war – zu Mensch und Tier.

Am erstaunlichsten ist die Galerie von Dichtern und Schriftstellern, zu deren Bewunderern oder doch eifrigen Lesern Rosa Luxemburg gerechnet werden kann. Sie schickt zu den Festtagen an Mathilde Jacob und viele andre Freunde Bücher aus ihrer Bibliothek, die sie sich dann manchmal neu beschaffen muß, weil sie doch nicht ohne sie sein mag. Zuweilen tauchen nur Namen und Buchtitel auf: Voltaires Märchen und sein „Candide“, Boileau, Anatole France, der Briefwechsel Wagner–Mathilde Wesendonk, Ricarda Huch, von der sie den „Federigo Confalonieri“ am meisten schätzt, deren Gedichte sie aber eher „peinlich“ findet, Kiplings zweites „Dschungelbuch“, Thompsons „Bingo“, C. F. Meyers „Jörg Jenatsch“ (außerdem zitiert sie aus dem Gedächtnis „Huttens Beichte“ von ihm), Hugo von Hofmannsthals „Tizian“, Hebbels „Gedichte“, Verlaines „Gefängnisse“, Theodor Däubler, dessen „kubistische Poesie“ sie sehr „amüsiert“ hat, Galsworthys „Das Herrenhaus“, Stendhals „Rot und Schwarz“, Andersen-Nexös „Sonnentage“, Grimmelshausens „Simplicissimus“, Romain Rollands „Johann Christoph“, Anakreon, Kellermanns „Ingeborg“, Gerhart Hauptmanns „Der Narr in Christo“, Pierre Broodcoorens’ „Rote; Flamenblut“, Pontoppidans „Das gelobte Land“, La Rochefoucaulds „Maximen“, die sie „gar nicht schlecht“ findet, Gorki, Rilke – wohl die Übersetzung der Louise Labé –, Bernard Shaw, Leo Tolstojs „Anna Karenina“. Die Zusammenstellung mag überraschen. Ausgesprochen „linke“ Autoren sind nur Gorkij, Broodcoorens, Anatole France und Andersen-Nexö.

Während Rosa Luxemburg die genannten Bücher nur kurz empfiehlt – ohne die Qualitätsunterschiede zu verkennen, bei manchen notiert sie ausdrücklich: Hotel-Einschlaflektüre – äußert sie sich an--einer Stelle etwas ausführlicher. Über die Lyrik von Hölderlin und Mörike: „Wie nett war Ihr Einfall, mir Gedichte zu schicken; ich habe schon so lange keine (außer Goethe, von dem ich mich nicht trenne) gelesen. Hölderlin kannte ich (o Schmach!) fast noch gar nicht. Ei ist mir ein wenig zu pomphaft; wenn man z. B. sein ‚An die Hoffnung mit Mörikes gleichem Thema vergleicht, wie viel inniger und poetischer ist Mörike.“

Das sollte man nicht als ein fehlbares literarisches Urteil lesen, sondern als eine Aussage über Rosa Luxemburgs Wesen, über ihre Abneigung gegen jedes laute und aufdringliche Pathos, über ihre eigene Bescheidenheit.

Nur in einem früheren Brief geht Rosa Luxemburg auf eine „literarische“ Frage ein. Frau Jacob hatte ihr ein Efeublatt aus dem Garten der Frau von Stein geschickt; dazu lautete ihr Kommentar: „Zur Frau von Stein übrigens, bei aller Pietät für ihre Efeublätter: Gott strafe mich, aber sie war eine Kuh. Sie hat sich nämlich, als Goethe ihr den Laufpaß gab, wie eine keifende Waschfrau benommen, und ich bleibe dabei, daß der Charakter einer Frau sich zeigt, nicht, wo die Liebe beginnt, sondern wo sie endet. Von allen Dulcineen Goethes gefällt mir auch nur die feine, zurückhaltende Marianne von Willemer, die ‚Suleika‘ des westöstlichen Divans.“

Wir können gewiß sein, daß Rosa Luxemburg auch im Gefängnis keinen Augenblick die politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse im kriegerischen Europa vergaß, daß sie über mögliche politische Aktionen und Taktik nachdachte. Ihr legaler Gefängnisbrief Wechsel‚ der in dieser Breite bisher unbekannt war, zeigt aber, daß sie daneben noch Zeit und innere Ruhe fand, um „zweckfreie“ Bücher zu lesen. Ihr Leben und ihr Kampf wäre ihr sinnlos erschienen, wenn er nicht auf das bezogen gewesen wäre, was sie unter anderem auch in Gedichten und Büchern fand.