Für die Aktionäre der deutschen Geschäftsbanken war 1972 kein überwältigendes Jahr. Ihr Kursindex stieg um 8 Prozent, während der Aktienindex um 11,7 Prozent kletterte. Dieser Rückstand konnte hingenommen werden, veil 1971 die Bankaktienkurse überdurchschnittliche Gewinne erzielt hatten. Nimmt man die Jahre 1971 und 1972 zusammen, so wuchsen die Bankaktienkurse in dieser Zeit um 32,5 Prozent, also fast um ein Drittel, während der Aktienindex in beiden Jahren nur um 24,9 Prozent vorankam.

Wie geht es nun mit den Aktienkursen der deutschen Geschäftsbanken weiter? In Kreisen der Anlageberater ist diese Frage umstritten. Infolgedessen vollzieht sich der Kursanstieg der Großbanken auch nur schleppend. Eines ist allerdings seit langem sicher: Die im vorigen Frühjahr gelegentlich aufgetauchte Befürchtung, einige Banken wären möglicherweise gezwungen, für 1972 ihre bislang gezahlten Dividendensätze zu kürzen, ist durch die späteren Ereignisse vom Tisch gefegt worden. Die deutschen Großbanken werden also an ihren alten Sätzen festhalten. Die Commerzbank zahlt wieder 8,50 Mark je 50-Mark-Aktie, bei der Deutschen Bank und der Dresdner Bank wird es neun Mark geben.

Eine Analyse des Commerzbank-Abschlusses sowie der auf der Bilanzpressekonferenz vom Vorstand gegebenen Erläuterungen lassen ein schwieriges Bankenjahr erwarten. Mit gutem Grund weigern sich die Vorstände, eine Prognose zu geben. Denn praktisch ist der Ertrag davon abhängig, welche Politik die Bundesbank weiter verfolgen wird und ob es gelingt, ähnliche Sondergewinne zu erzielen wie in den vergangenen beiden Jahren. In den Monaten Januar und Februar war dies möglich, der März ist weniger ertragsstark gewesen.

Die Commerzbank hat 1972 ihre Bilanzsumme um 15,7 Prozent auf 25,6 Milliarden Mark ausgedehnt, das Geschäftsvolumen sogar um knapp 17 Prozent. In den letzten fünf Jahren hat sich das Geschäft praktisch verdoppelt. Dies ist, so Vorstandsmitglied Ernst Rieche, freilich kein Grund zu lauter Freude. Denn einmal ist die Geldentwertung am Wachstum der Bilanz beteiligt, zum anderen spielt es sich nun schon seit Jahren fast ausschließlich in den Umsätzen und Bilanzdaten ab, aber kaum noch in den Gewinnen.

Der Grund: Der harte Wettbewerb durch in- und ausländische Kreditinstitute erlaubt es nicht, die ständig steigenden Kosten, zum Teil gewollt verursacht durch die Bundesbank, auf die Kundschaft abzuwälzen. Die sogenannte Umverteilung der Gewinne hat bei den Banken schon vor Jahren eingesetzt. Dazu eine Zahl: In den letzten zehn Jahren haben sich die durchschnittlichen Kosten einer Arbeitsstunde bei der Commerzbank um 126 Prozent erhöht; 12 Prozent des Anstiegs resultierten aus Arbeitszeitverkürzungen, Darüber hinaus schlägt sich hier die vermehrte Beschäftigung qualifizierter außertariflicher Kräfte für Stabsfunktionen und Beratungsaufgaben nieder.

1972 sah es bei der Commerzbank so aus: Bei einer Zunahme des Geschäftsvolumens um 17 Prozent wird ein um nur acht Prozent höherer Gewinn ausgewiesen. Dieser Betrag ist auf die Ausschüttung von 8,50 Mark sowie auf eine unveränderte Dotierung der offenen Rücklagen von 15 Millionen zugeschnitten. Tatsächlich liegt das vergleichbare Jahresergebnis nicht so hoch über dem des Vorjahres. Die Bildung stiller Reserven war demzufolge weniger hoch als im Vorjahr. Die Gewinnsteuern nahmen nur um 3,2 Prozent auf 58,9 Millionen zu. 9,8 (Vorjahr 8,1) Millionen Mark hat die Bank an steuerfreien Zinsen und Erträgen aus steuerbegünstigten Auslandsschachtelbeteiligungen vereinnahmt. Die inländischen Schachteldividenden erhöhten sich von 37 auf 46,4 Millionen.

Alle Großbanken vermeiden es, einen „Gewinn je Aktie“ zu nennen. Sie berufen sich darauf, daß es keine einheitliche Berechnungsmethode dafür gibt. Einen gewissen Anhaltspunkt liefert die Commerzbank durch die Angabe des „verfügbaren Gewinns je Aktie“, der sich 1971 auf 10,50 bis 11 Mark stellte und für 1972 nur noch knapp 10,50 Mark betragen hat. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß dieser sich 1971 auf ein Aktienkapital von 362,5 Millionen bezog, im vergangenen Jahr auf 400 Millionen. Die zum Jahresende durchgeführte weitere Kapitalerhöhung um 44 Millionen kann bei dieser Rechnung außer Ansatz bleiben, denn sie konnte keinen Anteil am Gewinn erwirtschaften.