Im Tarifkonflikt kapitulierten die Staatsbetriebe vor den Gewerkschaften

Zwei Generalstreiks, insgesamt 166 im Verlauf von sechs Monaten abgestotterte Streikstunden je Arbeitskraft, zwei stillgelegte Hochöfen, erhebliche Produktionsverluste, eine Reihe von Knochenbrüchen bei den Managern und Strafanzeigen bei den Arbeitern. Das sind die Ergebnisse des Tarifkonflikts, in der italienischen Metallindustrie.

Es ist ein Konflikt auf Italienisch: Er dauert bereits sechs Monate und begann noch ehe die Gewerkschaften ihre Forderungen auf den Tisch gelegt hatten und die Verhandlungen aufgenommen worden waren. Schon im Herbst letzten Jahres wurde der Lohnkampf durch vorbeugende Streiks eröffnet. Mit dem 31. Dezember, als der alte Tarifvertrag ablief, wurde dann der Konflikt offiziell.

Und seit mehr als einem Monat ist Roms Arbeitsminister Dionisio Coppo bemüht, zwischen den unerbittlichen Kontrahenten zu vermitteln. Allerdings war der Erfolg bislang recht bescheiden. Der Minister kann zwar den Entwurf eines neuen Tarifvertrages vorweisen – er gilt jedoch nur für ein halbes Hundert staatliche Metallunternehmen mit 300 000 Beschäftigten.

Sowohl die Staatsmanager als auch die Gewerkschaften sind über diesen Tarifentwurf nicht so recht froh. Dafür liegen die Ansichten über das, was heute in Italien wirtschaftlich und sozial wünschenswert ist, zu weit auseinander. Immerhin hat die große Mehrheit der Betriebsversammlungen das Dokument bereits gebilligt. In diesem Tarifentwurf wird Neuland betreten. Zum erstenmal in Europa erhalten Metallarbeiter jährlich fünfzig bezahlte Arbeitsstunden für „kulturelle Weiterbildung“.

Eine Verminderung der Arbeitszeit an den Hochöfen auf 38 Wochenstunden haben die staatlichen Arbeitgeber abgewehrt. Ihr Argument, daß diese in Europa bisher einzigartige Forderung die italienische Stahlindustrie aus dem internationalen Wettbewerb geworfen hätte, war dafür allerdings weniger ausschlaggebend als die Tatsache, daß völlig neue Schichteinteilungen erforderlich gewesen wären. Deshalb wird die Arbeitszeit in Italiens Stahlindustrie nur von 40 auf 39 Stunden heruntergesetzt: Den Arbeitern am Hochofen wird alle acht Wochen ein zusätzlicher freier Tag bezahlt.

Die reine Lohnerhöhung beträgt für jeden der 300 000 Beschäftigten linear zwölf Prozent und bringt monatlich 80 Mark mehr ein. Die übrigen Zugeständnisse freilich machen noch einmal den gleichen Prozentsatz aus. Und auch das ist noch nicht alles: Die staatlichen italienischen Unternehmer müssen die Löhne alle drei Monate automatisch an die gestiegenen Lebenshaltungskosten angleichen. Überdies muß nach dem Abschluß des allgemeinen Tarifvertrages jeweils ein zusätzlicher Vertrag auf Betriebsbasis mit den Betriebsgewerkschaften ausgehandelt werden. Dabei geht es um die Festlegung der Produktionsprämien und andere betriebliche Vergünstigungen. Grob gerechnet bringt der Betriebsvertrag in vielen Fällen noch einmal die doppelte Belastung. Diese Praxis der Betriebsverträge erklärt denn auch, warum in den drei Jahren der Laufzeit des alten Vertrages die Arbeitskosten für die meisten Betriebe der italienischen Metallindustrie um insgesamt 50 bis 70 Prozent gestiegen sind.