Von Joachim Schwelien

Washington, im März

Der Reklamespot im Fernsehen schließt mit dem eindringlichen Appell ans Gemüt: „ITT dient Menschen und Nationen überall.“ Millionen von Amerikanern können ihm seit Jahren andachtsvoll lauschen. Seit einer Woche freilich erfahren die Zuschauer des Fernsehens auch von anderen Aktivitäten des internationalen Konglomerat-Konzerns „international Telephone and Telegraph Corporation“ Und das sind eher Bärendienste an der amerikanischen Nation.

Das Mammutunternehmen ITT steht derzeit in einem hochnotpeinlichen Kreuzverhör. Es wird inszeniert von einem Untersuchungsausschuß des amerikanischen Senats, der von dem Demokraten Frank Church geleitet wird. Church wird sich in den kommenden zwei Jahren ausschließlich mit der Tätigkeit der Superkonzerne mit ihren weitgefächerten Interessen befassen und vor allem untersuchen, wo sie ungebetenen Einfluß auf die amerikanische Außenpolitik nahmen. Beim ITT-Hearing. geht es um die Methoden, mit denen die Geschäftsleitung dieses Unternehmens 1970 die Wahl des Marxisten Salvador Allende zum Präsidenten Chiles verhindern wollte.

In aller Öffentlichkeit werden nun die Schleichwege prominenter Mitarbeiter des Konzerns in der Washingtoner Bürokratie nachgezeichnet. Das Hearing vor dem Ausschuß Frank Church’s enthüllt ein Gewebe von Intrigen, Verschleierungen und Geheimdienstmachenschaften, die jeden Kriminalthriller in den Schatten stellen. Die Vernehmungen legen die Verfilzungen zwischen der Geschäftswelt und dem amerikanischen Regierungsapparat bloß. Im Gedächtnisprotokoll eines ITT-Mitarbeiters ist zum Beispiel davon die Rede, der amerikanische Außenminister Rogers habe in einer Unterhaltung im State Department mehrfach beinahe entschuldigend beteuert: „Wir sind doch eine Regierung der Geschäftswelt.“

Was ITT in diesem Fall betrieb, war jedoch keineswegs business as ususal, keine Routineangelegenheit. Es war vielmehr der höchst ungewöhnliche und dazu noch stümperhafte Versuch, den Nachrichtendienst CIA, den Nationalen Sicherheitsrat, das Außenministerium und andere Regierungsämter in eine Aktion einzuspannen, die eine grobe Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines südamerikanischen Staates bedeutet hätte. Es ging um Chile, das von den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahrzehnt rund 1,4 Milliarden Dollar Wirtschaftshilfe erhielt und mit dem Amerika – bis zur Wahl Allendes – in enger Interessengemeinschaft verbunden war.

Die ITT, die im Fernmeldewesen, in der Rüstung, der Elektronik, im Hotelgewerbe, der Versicherungsbranche und in zahllosen anderen Geschäftsbereichen tätig ist – allein im Washingtoner Telephonbuch sind 25 Tochtergesellschaften der Firma verzeichnet –, war seit Jahren auch in Chile engagiert. Dort gehörte ihr die Telephongesellschaft „Chitelco“ mit einem auf 150 Millionen Dollar geschätzten Betriebsvermögen, die Allende vor seiner Wahl mit anderen amerikanischen Unternehmen zu enteignen drohte. Das geschah dann auch nach seinem Amtsantritt und sogar entschädigungslos. Die chilenische Regierung versichert heute, eine Entschädigung wäre wegen der unsauberen Machenschaften der ITT verweigert worden.