Von Frank Bunte

Duisburg

Rund 5000 hochofengeschädigte Bürger in Duisburg-Hamborn hatten ein Urteil erwartet und „keine Konzession auf Kosten unserer Gesundheit“. Seit dem 6. Februar, als die August-Thyssen-Hütte Europas größte Eisenschmelze unmittelbar vor ihrer Haustür anblies, müssen die Hamborner in der Bannmeile des Ungetüms die Nächte bei geschlossenem Fenster und 65 Phon Lautstärke verbringen. Die Gewerbeordnung indessen schreibt für Industrieanlagen in der Nachbarschaft von Wohngebieten höchstens 35 Phon zur Nachtstunde vor.

Über 60 Phon – das ist so, als ob sich mehrere Personen gleichzeitig in normaler Lautstärke unterhalten. „Da können Erwachsene auf gewisse Zeit mit Tabletten schlafen“, befand Richter Werner Friedrich vom Düsseldorfer Verwaltungsgericht. „Bei Klein- und Schulkindern helfen solche Mittel aber nicht. Wenn das über Monate geht, dann weiß ich nicht, wie das mit der Gefahr von erheblichen Gesundheitsstörungen ist.“

Die Proteste der um ihre Nachtruhe gebrachten Bürger, meist selbst Thyssen-Arbeiter, trieben das Duisburger Gewerbeaufsichtsamt zur Ordnungsverfügung: Die August-Thyssen-Hütte sollte das dreck- und lärmspeiende „Monster“, den Hochofen „Schwelgern I“, sofort stillegen. Der Einspruch des Konzerns fand vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht viel Verständnis. Der Staatsanwalt ersparte dem Gericht ein Urteil und schlug einen „Vergleich“ vor, der von beiden Parteien angenommen wurde.

Das Unternehmen verpflichtet sich, den Lärmpegel des Hochofens bis Mitte Mai 1973 auf 55 Phon zu dämpfen. Die Gewerbeaufsicht verzichtete auf sofortige Stillegung, behielt sich jedoch vor, den „Stillegungsknüppel“ jederzeit wieder hervorzuholen, wenn das öffentliche Interesse es erfordern sollte.

Die Bezeichnung „Vergleich“ wollte der Vorsitzende Richter dafür nicht gelten lassen: „In der Frage der Gesundheit darf es kein gegenseitiges Nachgeben in der Sache, keinen Kuhhandel geben.“ Er schlug statt dessen die Formel „Einigung“ vor.