Von Marlies Menge

Was ist der Unterschied zwischen Wirbelsäule und Rückgrat?“ Antwort: „Also, ich würde sagen: Wirbelsäule hat jeder.“ Das Publikum im Ostberliner Friedrichstadtpalast klatschte Beifall. Zum achten Mal spulte Anfang März die Unterhaltungsshow „Ein Kessel Buntes“ ab und wurde vom Fernsehen direkt übertragen.

Wieder war sie nach demselben Rezept gekocht wie die sieben davor: viel Schlager, ein bißchen Ballett und Varieté, ein paar mehr oder weniger gut gelungene Witze. Nichts, wofür Rückgrat vonnöten scheint. Die Hersteller des „Kessel Buntes“ schienen sich vielmehr stets treulich an die Weisung des 6. ZK-Plenums der SED zu halten, das mehr Unterhaltung gefordert hatte nach dem Motto „Alle erreichen, jeden gewinnen, niemanden zurücklassen“. Ostberlins Kulturzeitung Sonntag bescheinigte denn auch dem „Kessel Buntes“ in seinem Resümee über die DDR-Kultur des Jahres 1972 „die wohl höchste Publikumswirksamkeit“.

Trotzdem mußte sich die siebte Ausgabe dieser Sendung Kritik von höchster Stelle gefallen lassen, vom Neuen Deutschland, der Stimme der Partei. Die Zeitung berief sich dabei auf Beschwerden von „nicht nur Genossen, sondern auch vielen parteilosen Bürgern – insbesondere von Arbeitern und Bauern sowie Angehörigen der Intelligenz –, die im wahllosen Auftreten westlicher Künstler im Fernsehen eine Sache sehen, die wir uns, von der Stärke der DDR her gesehen, zwar leisten können – es wird aber gefragt, ob vieles nicht eine ungerechtfertigte Zurückstellung der Künstler aus der DDR bedeutet“.

Und Neues Deutschland fragte: „Sollte der Auftritt des schon äußerlich nicht ästhetisch wirkenden Jankowski-Chores aus der BRD uns beweisen, wie niveaulose Unterhaltung westlicher Machart gehen kann?“ Da man jedoch nicht prinzipiell etwas gegen das Auftreten westlicher Stars einzuwenden hatte, waren sie auch im achten „Kessel Buntes“ vertreten: vier Clowns aus England, zwei Sänger aus der Bundesrepublik – Chris Roberts sang Schlager, Dieter Süverkrüp Proteste.

Die drei Kabarettisten, die zum ständigen Repertoire des „Kessel Buntes“ gehören – genannt die drei Dialektiker, weil einer sächselt, der zweite berlinert und der dritte in nördlicher Mundart redet –, mußten sich schon früher vorwerfen lassen, daß sie allzu munter draufloskalauerten. In der Kritik des Neuen Deutschland wurden ihnen nun sogar „unterhalb der Gürtellinie angesiedelte Kalauer“ angelastet.

Das Kalauern konnten sie auch im achten Kessel nicht lassen. („Bei uns zu Hause, da hat sich jetzt jemand ein krummbeiniges Pferd gekauft, und das läßt er mit einem Maulkorb durch die Straßen laufen, damit die Leute denken, er hat den größten Dackel von Berlin.“) Dafür nahmen sie sich einen anderen Vorwurf des Neuen Deutschland zu Herzen: „Was sollte jene Szene, in der die Bauarbeiter der Hauptstadt, die so viel geleistet haben, pauschal verunglimpft wurden?“ Da scherzte einer von ihnen in der letzten Sendung: „Im Märzen der Bürger den Doktor einspannt. – Er nimmt seine sechs Wochen und geht auf sein Land.“ (Gemeint ist die Angewohnheit mancher DDR-Bürger, sich für die sechs Wochen, die die Versicherung bezahlt, krankschreiben zu lassen.) Sofort ermahnte ihn sein Kollege: „Mann! Nun verunglimpf mal hier nicht die Kleingärtner und das Gesundheitswesen!“ Worauf ersterer sich entschuldigte: „Ich wollte niemandem zu nahe treten!“