P. Chr. Ludz (Hrsg.): „Soziologie und Marxismus in der Deutschen Demokratischen Republik“; 2 Bde.; Luchterhand Neuwied/Berlin 1972; XXXIV, 592 und 376 Seiten, je 36,– DM, Studienausgabe je 28,– DM.

Zu diesem zweibändigen „Reader“, der erst nach Überwindung einiger technischer Schwierigkeiten erscheinen konnte, ist dreierlei zu bemerken:

Erstens: Ein solches Textbuch – zumal bei in der Materie so schwierigen Texten wie im vorliegenden Fall – erfüllt seinen Sinn nur, wenn man darin arbeiten kann. Das heißt, man muß darin anstreichen, notieren können – es also besitzen. Sechsundfünfzig Mark (für die Studienausgabe) sind mithin für ein noch so gut konzipiertes, immerhin vom Stoff her sehr spezielles Buch einfach als Preis nicht akzeptabel. Das gälte auch dann, wenn die Auswahlprinzipien voll einleuchtend wären. Die Hälfte, insbesondere die beiden ersten der sechs Kapitel sowie III. 13 und 14, und dies zum halben Preis wäre sozialer und effizienter gedacht – wenn man überhaupt bei Arbeiten, die im Bibliotheksleihverkehr greifbar sind, auf die Form des „Readers“ zurückkommen will. Der „Reader“ hat sein gutes Recht dann, wenn, wie in den gesellschaftswissenschaftlichen Textbüchern bei Kiepenheuer & Witsch, fremdsprachliche Texte zu halbwegs annehmbarem Preis in guter Übersetzung zugänglich gemacht werden.

Zweitens: Die Einleitung von Ludz, etwas über zwanzig Seiten, artikuliert – mit Recht – das Dilemma der DDR-Soziologie (wie aller DDR-Gesellschaftswissenschaft). Hier wird dargelegt, besonders an dem wohl repräsentativsten Beispiel (E. Hahn: „Historischer Materialismus und marxistische Soziologie“) wie, das erkennende Subjekt sich selbst mit zum Objekt wird. Idealiter geht das freilich nur, indem es sich als „Klassenbewußtsein“ legitimiert (so für orthodoxe Methodenbesinnung und in Abwehr „bürgerlicher Soziologie“, leicht gemacht gegen den Neopositivismus à la Popper/Albert, gegen den Strukturalismus im Gefolge von Parsons und den Franzosen, schwer sich tuend gegen Adorno/Habermas). Der hierauf bezogene Teil der Einleitung und mehrere Textkapitel dazu sind beachtlich.

Aber der Leitfaden Hahn, an dem sich Ludz allzu sehr orientiert, wird der DDR-Soziologie und den reproduzierten Texten nur eingeschränkt gerecht. Das Problem ist nicht die Deduktion der idealen Gesellschaft; sondern in der DDR-Soziologie sind der Realbefund (um den es eigentlich geht) und der sozialphilosophische Idealkontext ungleich verklammerter.

Die unselige Apologetik in Hahns Standardwerk, derzufolge tatsächlich ein Hiatus zwischen „beschreibender“ empirischer Sozialwissenschaft und „erklärender“ Theorie und demnach, so Ludz, eine Art „Hierarchie“ der Wissenschaften bestehe, ist dem Anliegen der DDR-Soziologie, ganz und gar in den „Bereichs“-Soziologien: Jugendsoziologie, Familiensoziologie (Industriesoziologien läßt Ludz leider aus), nicht ganz gemäß. Ihr geht es nämlich um Beschreibung wie Erklärung des „subjektiven Faktors“ in seiner Praxis hier und jetzt, um die „Verhältnisse“. Und die „Verhältnisse“, sie sind auch in der DDR „nicht so“. Warum dies so ist, das ist fraglos immer auch eine didaktisch-politische Frage.

Damit zugleich wird Reflektion historischer Standortlichkeit von Forschung wie Gegenstand zwingend. Daraus resultiert eine eigentümliche Spannung zwischen DDR-Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft (was immerhin so weit geht, daß das Zentralkomitee viele Befunde sekretiert) und einer marxistischen Gesellschaftsphilosophie (als einem Grundkontext von ökonomischem, aber auch gesellschaftlichem) Sein und einem mehr oder eben weniger „richtigen“ Bewußtsein. Diese Wechselwirkung ist von einigen der Autoren, besonders von Steiner und von Hg. Meyer, gut herausgestellt worden.