Von Wolfram Siebeck

Für den im Ruhrgebiet angelaufenen Film des jungen Regisseurs Berthold Czuczsky fehlen dem Kritiker-Kollektiv der Zeitschrift Filmkritik "die Adjektive", und nach Meinung der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung ist er "...ein Augen- und Ohrenschmaus, der den ‚Ring des Nibelungen‘ zum Spieldosengeklimper degradiert."

Tatsächlich wird in Czuczskys ständig ausverkauftem Film so viel und so deutlich gegeigt, wie noch nie zuvor auf der Leinwand. Gerade diesen Umstand allerdings lasten andere Kritiker dem Ruhrgebiets-Lichtspiel an. Für die Ruhr-Nachrichten ist es nur "ein unerträglicher Höhepunkt der Phonographiewelle", und der Sterkrader Stadtanzeiger warnt seine Leser vor "einer gewissen Anzahl heikler und delikater Kadenzen".

Solche Kadenzen beherrschen in der Tat den größten Teil des Films: Guilio, ein italienischer Gastarbeiter, der in Wanne-Eickel eine leerstehende Wohnung besichtigt, findet dort eine Violine. Mit schockierender Direktheit klemmt er sie sich unters Kinn und beginnt zu geigen. Nach dem ersten, ruppig gekratzten "O sole mio" entpuppt er sich als Geigenvirtuose, von dem das Instrument sich willenlos in die Saiten greifen läßt. Während zweier Kinostunden geigt er stehend, sitzend und im Gehen; er geigt wie ein Kunstschütze auf dem Jahrmarkt rückwärts im Spiegel und entlockt der Violine auch dann noch aufregende Töne, wenn er sie scheinbar mißhandelt.

Während er die Teufelstrillersonate von Tartini mit der Inbrunst eines Besessenen herunterfidelt, läßt der Regisseur den Geiger sich zwischen Springbogen und Pizzicato "von den Rückhalten des Unbewußten befreien" (Czuczsky). Eine andere Möglichkeit dazu, auch das zeigt der Regisseur, hat der geigende Guilio auch gar nicht: Als er mit seiner Violine die Leerwohnung verläßt und in einer Wanne-Eickler Nachtbar zum Tango aufspielt, wird er von den Gästen ausgepfiffen. Der profitorientierte Kneipenwirt reagiert auf Guilios Versagen konsequent mit dem Rausschmiß des Geigers. Die Violine behält er als Ersatz für einen gezahlten Vorschuß zurück.

Durch den Rückzug auf den privaten Bereich der Öffentlichkeit entfremdet – so die unmißverständliche Botschaft des gesellschaftspolitisch engagierten Regisseurs – versagt auch der größte Virtuose, wenn er vor einem kritischen Publikum geigen soll.

Den Geiger spielt der auch im Privatleben musizierende Marcello Banzo, der die Doppelgriffe und Triller mit ekstatischen Ausrufen in seiner Muttersprache begleitet ("Furioso! Presto! Con brio!"). Über den Regisseur, der ihm mit diesem Film den Weg, zum Ruhm geebnet haben dürfte, urteilt der Dauer-Geiger eher abfällig: "Als wir mit den Dreharbeiten begannen, hielt er Paganini noch für einen italienischen Aperitif!" Die Violine wird von einer kastanienbraunen Amati dargestellt, die ein ebenso musikalisches wie sinnloses Ende findet: Auf den Tasten des Kneipenklaviers liegend, bricht sie sich den Hals, als ein unaufmerksamer Kellner den Klavierdeckel zuschlägt. "Dafür", begeistert sich die Neue-Ruhr-Zeitung, "gibt es nur ein Adjektiv: Fortissimo!"