Von Rainer Burchardt

Kiel/Tönning

Ein jahrhundertealtes, durch die Literatur geprägtes Vorurteil wurde jetzt endgültig durch ein technisches Vorbild widerlegt. Wer bisher noch die Vision des über die Deichkrone dahinfegenden „Schimmelreiters“ des Husumer Dichters Theodor Storm hatte, wenn er an die Nordseeküste Schleswig-Holsteins dachte, der konnte sich dieser Tage davon überzeugen, daß hier das zur Zeit größte und modernste Küstenschutzwerk Europas entstanden ist.

Die bisweilen recht introvertierten Einwohner der Halbinsel Eiderstedt reden nicht gern in Superlativen. Doch merkt man ihnen in Gesprächen immer wieder an, wie stolz sie auf „ihr“ Eidersperrwerk in der Nähe der nordfriesischen Kleinstadt Tönning sind. Denn die Angst „vor denn Storm“ sitzt tief, die Furcht vor jener Naturgewalt, die in unregelmäßigen Abständen immer wieder das Wasser über Land und Leute hinwegtrieb. Zuletzt am 16./17. Februar 1962, als zwischen Hamburg und der dänischen Grenze 335 Menschen ertranken.

Die Deiche hatten nicht gehalten. Auch wenn der niederdeutsche Dichter Dieter Bellmann meint, „das ‚Trutz, blanke Hans‘ sei nur eine Balladenphrase“ – Politiker in Bund und Land nahmen den Kampf gegen die Naturgewalt auf. „Wer nicht will dicken, mut wieken“ (wer nicht eindeichen will, muß weichen), diese Nordfriesenweisheit mag über dem „Schutz- und Trutzbündnis“ gestanden haben, das Bund und Land im August 1965 als Gemeinschaftsaufgabe für Küstenschutz allgemein und den Bau des Eiderdammes im besonderen schlossen. Zwei Jahre zuvor hatte die schleswig-holsteinische Landesregierung bereits einen Generalplan „Deichverstärkung, Deichverkürzung und Küstenschutz“ mit einem Volumen von rund 600 Millionen Mark verabschiedet.

Vor sechs Jahren, am 29. März 1967, machte der damalige Ministerpräsident Helmuth Lemke den ersten Spatenstich in die Watterde der Eidermündung. In diesen Tagen weihte Lemkes Nachfolger Gerhard Stoltenberg das rund fünf Kilometer lange Küstenschutzprojekt ein. Ziel der Abdämmung ist laut Planungskatalog „die Eidermündung gegen Sturmfluten zu sichern (60 Kilometer Flußdeiche rücken damit in die zweite Deichlinie), die Vorflut für Eider- und Treeneniederung zu verbessern und die Schiffahrt auf der Eider aufrechtzuerhalten“.

In der Tat war ein derartiger Schutzdamm schon seit Jahrzehnten fällig. Denn die Trichtermündung der Eider, eines bescheidenen Flüßchens, das bei Kiel entspringt und bei Tönning in die Nordsee mündet, drohte zu versanden. Bedingt durch den Tidenhub von rund zweieinhalb Metern wurden bei Flut gewaltige Sandmengen angespült, die durch das bei Ebbe zurückfließende Wasser nicht wieder abgetragen werden konnten. Dadurch geriet die Schiffahrt auf der Eider in Gefahr, die Strömungsverhältnisse im Mündungsgebiet wurden durch die ständigen Veränderungen unberechenbar.