Die Rahmenrichtlinien des hessischen Kultusministeriums für den Deutschunterricht haben immerhin das Verdienst, eine öffentliche Diskussion entfacht zu haben – und wann geschieht das einem Schulfach schon einmal?

Als Beitrag zu dieser Diskussion will auch der Artikel von Professor Walther Killy verstanden sein. Killy war einer der ersten, die nach dem Kriege der deutschen Germanistik, und damit den Deutschlehrern, neue, vernünftige Wege zu weisen versuchten, heraus aus der verlogenen Ästhetik nationaler Selbstbeweihräucherung, hinein in die Logik der Texte und der weltweiten Kommunikation.

Als Killy eine Universität in Bremen nicht mehr gründen wollte und von seinem Lehrstuhl in Göttingen nach Bern emigrierte, wurde die Formel allzu schnell gefunden: Der hat resigniert. Die Frage, warum ein Killy resignierte, wurde selten gestellt und nie beantwortet.

Falls Resignation im Spiel war (ich glaube, es war so), scheint sie jetzt überwunden. Ich begrüße die Polemik, die wir hier abdrucken, als ein Zeichen solcher Überwindung.

Ich halte Killys Polemik für (wie jede Polemik) überspitzt, aber die Spitze weist genau in die Richtung, in der Mulmiges mulmt. Seit es deutsche Schulen gibt, werden „deutsche Anliegen“ im Deutschunterricht ausgetragen.

Ich erinnere mich noch gut meines Abituraufsatzes. Er erhielt die Note „mangelhaft“. Das Thema hieß: „Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.“ Ich schrieb eine Apologie des Selbstmords (was mir durchaus im Sinne dieses Faust-Zitats zu liegen schien und meiner Stimmung, 1938, entsprach). Gewünscht worden waren Fanfaren, die zum Aufbruch bliesen.

Immer denken diese alten Herren an die Nazi-Zeiten? Ja, das tun sie wohl, und die jüngeren Damen und Herren sollten auch zuweilen daran denken. Es ließe sich viel daraus lernen. Wir denken, daß die Ansichten von der Welt, die ein Kommunist oder ein Konservativer haben mag, sich nicht auf den Deutschunterricht auswirken dürfen (und auf die für Abiturienten zukunftswichtige Deutschzensur). In den hessischen Rahmenrichtlinien ist davon nicht die Rede. Ich stelle mir nur vor, daß es ein den einen erwünschtes, den anderen unerwünschtes Nebenprodukt sein könnte.