Von Rolf Düdder

Ich möchte nicht Folk-Sängerin genannt werden. Ich bin Politikerin. Die Musik spielt nur eine untergeordnete Rolle für mich“, sagt sie und fügt hinzu: „Sobald ich merke, daß mich das Singen in eine Konfliktsituation zu den Dingen im Leben bringt, die wirklich wichtig sind, werde ich sofort damit aufhören.“ Joan Baez ist von bemerkenswerter Konsequenz. Das letzte Weihnachtsfest verbrachte sie in einem Schutzkeller in Hanoi, denn: „Wenn ich meinen Pazifismus testen konnte, dann war das dort im Bombenhagel.“

Während ringsum die Bomben einschlugen, fragte ein französischer Journalist, Reporter einer kommunistischen Zeitung: „Möchten Sie nicht, daß diese verdammten Flugzeuge abgeschossen werden?“ Die Antwort kam ohne Zögern: „Ja“, sagte Joan Baez, „wenn die Piloten gerettet werden. Niemand auf dieser Welt hat das Recht, ein Menschenleben zu vernichten.“ Dabei weiß sie: „Es ist leichter, etwas für als gegen die Gewalt zu tun.“ Spötter nennen die Sängerin eine heilige Johanna mit der Gitarre.

Vor sieben Jahren war sie zum erstenmal in die Bundesrepublik gekommen und hatte am Ostermarsch teilgenommen. Nun ist sie für zweieinhalb Wochen wieder in Europa – zwei Konzerte in Italien, je eines in Frankreich, England und in Essen. Zwanzig- bis Dreißigjährige füllten die Grugahalle, junge Leute mit gemeinsamen Wasserwerfererlebnissen aus der Apo-Zeit, gereifte Ostermarschierer und die ebenfalls um einige Jahre älter gewordene Woodstock-Generation mit der Love-&-Peace-Ideologie. Davon hat Joan Baez nie viel gehalten. Sie weiß, daß Friedfertigkeit durch politisches Engagement erkämpft werden muß. Nach dem Konzert fragt einer: „Wie stehen Sie denn zu Jesus?“ Sie antwortet ihm: „Würde er heute leben, säße er im Gefängnis.“

Sie steht ganz allein auf der Bühne – eine Heilige in rotem Samt und weißem Satin. „Farewell Angelina“ leitet das Programm ein. Ungeduldig verscheucht sie die Photographen. Ihre Stimme – das Nachrichtenmagazin Time meinte einmal, sie sei „so klar wie die Luft im Herbst: ein vibrierender, kraftvoller, unerzogener, aufwühlender Sopran“ – füllt die riesige Halle. Joan Baez verzichtet auf effektvolle Kunstpausen. Immer wieder fordert sie das Publikum zum Mitsingen auf, leitet sie die Lieder mit persönlichen Bekenntnissen und Erlebnissen ein: „Marching Up To Freedom Land “ hat sie im Bombenkeller in Hanoi zusammen mit den Mitgliedern einer polnischen Sangesgruppe gesungen.

Sie singt von „Joe Hill“ – ein Lied der amerikanischen Arbeiterbewegung, Balladen, Contemporary-Songs. Seit zwei Jahren schreibt sie ihre Lieder selbst. Eines der schönsten davon hat sie dem von ihr verehrten Bob Dylan, dem abtrünnigen Weggefährten über lange Jahre, gewidmet: „Do you hear the voices in the night, Bobby? They are crying for you.“ Nach dem Konzert frage ich sie: „Sind Ihre Lieder eigentlich nicht zu schön für Ihre politischen Vorstellungen?“ Joan Baez lacht: „Auch Politik ist schön, wenn sie dem Menschen dient. Sechstausend Jahre lang haben wir uns daran gewöhnt, daß sie das sehr oft nicht tut. Ich möchte es ändern.“

Dabei hat sie schon genug Schwierigkeiten gehabt. Bisher war ihr keine Reise zu weit und keine Fahrt zu teuer, um ins Gefängnis zu kommen. Im Dezember 1967 flog sie nach einem glanzvollen Konzert in London rasch in die USA zurück, um an einer Demonstration vor dem Rekrutierungszentrum der amerikanischen Streitkräfte in Oakland teilnehmen zu können. Nachdem sie deswegen eine Strafe verbüßt hatte, nahm sie an einer Demonstration gegen den Krieg in Vietnam teil. Und wieder landete sie in der Haftanstalt. Anschließend trat sie mit David Harris – einem in den USA bekannten Kriegsdienstverweigerer – vor den Standesbeamten. Die Ehe ist inzwischen geschieden.