Von Karl Morgenstern

Die 50-Meter-Bahn ist das Statussymbol des Schwimmsports geworden. Allein in der Bundesrepublik gibt es mittlerweile 22 Schwimmhallen mit 50-Meter-Bahnen. Welt- und Europarekorde können nur auf der „langen Bahn“ geschwommen werden, und doch hat die 25-Meter-Bahn ihre Anziehungskraft auf die besten Schwimmer der Welt nicht verloren. Der leistungssteigernde Wert des Trainings auf der „kurzen Bahn“ wird gerade von den amerikanischen Trainern sehr hoch eingeschätzt, und der psychologische Effekt gehört zum Rezept aller qualifizierten Trainer rund um den Erdball. Der Wuppertaler Erfolgstrainer Heinz Hoffmann bringt das Ganze auf den simplen Nenner: „Wer monatelang auf der ‚langen Bahn‘ trainiert hat, freut sich auf die 25-Meter-Bahn. Und wer lange genug auf der ‚kurzen Bahn‘ trainiert hat, den zieht es wieder zur 50-Meter-Bahn.“ Die Popularität der viel kritisierten und doch oft gerühmten „Flitzerbahnen“ hat sicherlich erheblich dazu beigetragen, daß beispielsweise das berühmte „Internationale Schwimmfest“ des Bremer SC 85 auf der altmodischen 25-Meter-Bahn des Zentralbades die Rekordschwimmer aus allen fünf Erdteilen Jahr für Jahr wieder magnetisiert wie kein zweites europäisches Schwimmfest. Und zum großen Kummer der bremischen Schwimmer manche Sportbehörde der Hansestadt immer wieder in argloser Unwissenheit fragen läßt: „Wozu ein 50-Meter-Bad, wenn die Olympiasieger und Weltrekordler so gern auf der 25-Meter-Bahn in Bremen starten?“

Aber Unkenntnis schützt bekanntlich nicht vor •Strafe, und just in der traditionsreichen Schwimmhochburg Bremen ist das Leistungsniveau eben nicht zuletzt auch deshalb so sehr gesunken, weil es keine 50-Meter-Bahn zum regelmäßigen Training gibt. Das ändert nichts daran, daß vor allem die Amerikaner in den Wintermonaten konstant auf 25-Yard-Bahnen trainieren, Hallenmeisterschaften auf diesen „Flitzerbahnen“ durchführen und sogar Rekordlisten für 25-Yard-Bahnen führen. „Das Training und die Wettkämpfe auf der 25-Yard-Bahn erzieht zur Spritzigkeit. Weltklassesprinter werden auf ‚kurzen Bahnen‘ groß. Außerdem verbessert das Training auf 25-Yard-Bahnen die Kampfkraft und den Ehrgeiz der Schwimmer“, betont Amerikas Olympiacoach Peter Daland, doch die General-Einschränkung folgt auf dem Fuße: „Das beste Training auf der 25-Yard-Bahn in den Wintermonaten kann nicht das Frühjahrs- und Sommertraining auf der Jangen Bahn‘ ersetzen.“ Auch in der DDR, wo die 25-Meter-Bahn viele Jahre lang nur als notwendiges Übel angesehen worden ist, werden längst wieder Hallenmeisterschaften auf der einst so verpönten und de facto schon fast abgeschriebenen 25-Meter-Bahn durchgeführt. Sogar inoffizielle Bestleistungen für „Kurzbahnen“ werden wieder geführt. Offiziell wieder – wie beispielsweise in der Bundesrepublik und in den USA – auch 25-Meter-Bahnrekorde einzuführen, dazu hat man allerdings zwischen Elbe und Oder noch nicht die Courage gehabt. Immerhin hat einer der populärsten und erfolgreichsten Schwimmer der DDR, Egon Henninger aus Rostock, unmißverständlich der allgemeinen Meinung Ausdruck gegeben: „Auf der kurzen Bahn kann die Technik wesentlich besser geschult werden. Gute Zeiten auf der 25-Meter-Bahn lassen zumeist deutlich erkennen, zu welchen Leistungen man überhaupt fähig ist. Obendrein sind Wettkämpfe auf der 25-Meter-Bahn eine gute Möglichkeit, den Trainingszustand zu kontrollieren.“

Der Kardinalfehler der meisten bundesdeutschen Trainer lag in der Vergangenheit oft darin, daß sie aus guten Leistungen ihrer oft konditionell ungenügend vorbereiteten Schützlinge falsche, zu optimistische Schlußfolgerungen zogen – und dann meistens bitter enttäuscht wurden. Rekorde auf der 25-Meter-Bahn allein sind keine Gewähr für Glanzleistungen auf der letzten Endes international verbindlichen 50-Meter-Bahn. Daß man aber auch auf der „kurzen Bahn“ Weltklasseschwimmer hervorbringen kann, hat keiner besser als DSV-Verbandstrainer Horst Planert in der „Max-Ritter-Schule“ in Saarbrücken bewiesen: Das Training im DSV-Internat findet in den Wintermonaten und in den Übergangsperioden ausschließlich auf der 25-Meter-Bahn statt, weil es in Saarbrücken keine 50-Meter-Halle gibt. Erst im Sommer kommen die „Max-Ritter-Schüler“ auf die lange Bahn – viel zu spät nach Ansicht von Horst Planert. Um so erstaunlicher sind die Erfolge der Angela und Klaus Steinbach, Gudrun Beckmann, Karin Bormann und Silke Pielen.

Die Trainer der übrigen deutschen Schwimmhochburgen, die weitgehend über 50-Meter-Trainingsbassins verfügen, schütteln immer wieder nur verwundert ihre Köpfe, wenn ihnen die Planert-Schüler auf- und davonschwimmen. Doch für Horst Planert ist das kein Trost. Mit einem Anflug von Galgenhumor erklärt er bitter-sarkastisch: „Wie gut könnten wir erst sein, wenn wir regelmäßiger und früher auf die 50-Meter-Bahn gehen könnten.“ Deutlicher gesagt: Die beste 50-Meter-Halle ist keinen Pfifferling wert, wenn kein qualifizierter Trainer vorhanden ist. Ein überdurchschnittlich tüchtiger Trainer aber kann selbst auf einer 25-Meter-Bahn Weltklasseschwimmer formen. Die „Max-Ritter-Schüler“ beweisen es nachdrücklich genug. Und schließlich wurde auch ein Gerhard Hetz einmal im „Mini-Bassin“ groß. Das Optimum aber ist zweifelsohne die Einheit von moderner Trainingsstätte und qualifizierten Trainern à la Würzburg oder Wuppertal.