Immer mehr Menschen suchen die außergewöhnliche Anstrengung

Von Adolf Metzner

Wen hätte das Bild nicht fasziniert. Tausende von Langläufern, insgesamt fast 9000 treten sich buchstäblich auf die Skier, um in die Loipe zu kommen. In jene Spur, die erst nach über 85 Kilometern endet und fürwahr die Loipe des Leidens genannt werden könnte oder auch die Spur der Tortur. Aber nicht nur der Wasalauf, auch jeder Volkslauf zeigt am Start jene Schar besessener, die immer größer wird und darauf brennt, sich in geißlerischer Hingabe furchtbaren Strapazen zu unterziehen.

Die Tour de France der Profis, die durch Wind und Wetter, strömenden Regen oder sengende Hitze, die höchsten Bergpässe hinauf und in halsbrecherischer Abfahrt wieder hinab über 4000 Kilometer rund um Frankreich führt, läßt das Motiv erkennen, es ist Geld und höhere soziale Stellung. Aber der unbekannte Wasaläufer, der sich zehn Stunden lang quält und schindet, was treibt ihn voran in unserer Wohlstandsgesellschaft, die jede körperliche Leistung immer entbehrlicher macht. Protest? Nostalgie? Um ein Modewort zu gebrauchen.

Auch jene Marathonläufer, die wissen, daß sie nie siegen werden, aber dennoch immer dabei sind, was treibt sie an? Und die hüftewackelnden Geher über 50 km, die man höhnisch die Clowns der Arena nannte? Sie allerdings haben „Vorgänger“. Schon vor dem Ersten Weltkrieg waren riesige Distanzmärsche populär, die von den noch nicht motorisierten Armeen gefördert wurden. Von Berlin nach Wien wurde da marschiert und oft gewannen nicht die Soldaten, sondern die Vegetarier. Sie glaubten damit die Überlegenheit ihrer Lebensweise zu demonstrieren, in Wirklichkeit waren sie fanatischer und willensstärker und deshalb wohl auch besser trainiert.

Theoretiker der Tortur

Viele jener extremen Ausdauerprüfungen haben sich nicht mehr oder weniger spontan aus dem allgemeinen Sport entwickelt, sondern sie wurden, was sehr bezeichnend ist, von Theoretikern erdacht und erfunden. Ein Freund Pierre de Coubertins, ein Altphilologe, hatte die Idee des Marathonlaufes. Bei der ersten Olympiade 1896 in Athen liefen dann auch die Dulder jene Strecke, die das legendäre Vorbild 490 v. Chr. zurückgelegt haben könnte. Das Ziel war freilich nicht die Agora Athens, sondern das in Marmor wiedererstandene antike Stadion. Und die Begeisterung war allgemein, als ein Grieche, Spiridon Louis, gewann. Wasalauf und Tour de France entsprangen den Gehirnen von Sportjournalisten, die ja oft Sport besser beschreibet als betreiben können.