Von Hans-Hagen Bremer

Felix Oboussier, Generaldirektor der Euratom-Versorgungsagentur, wurde mit großer Diskretion nach Moskau entsandt. Doch als bekannt wurde, daß sich der hohe europäische Beamte zusammen mit Vertretern deutscher Elektrizitätsversorgungsunternehmen in der vergangenen Woche in Moskau aufhielt, hatte Brüssel eine Sensation,

Sie bestand allerdings weniger darin, daß zum erstenmal ein Kontakt zwischen der Zentrale der Europäischen Gemeinschaft und den Sowjets hergestellt wurde. Sie ergab sich vielmehr daraus, daß Oboussier in Moskau sondieren sollte, unter welchen Bedingungen die Sowjetunion bereit ist, angereichertes Uran für westdeutsche Kernkraftwerke zu liefern.

Bislang bezieht die Gemeinschaft den Brennstoff für ihre Reaktoren aus den USA auf Grund eines langfristigen Rahmenabkommens (bis 1995), dessen Bedingungen allerdings von Zeit zu Zeit neu ausgehandelt werden müssen. Lediglich Frankreich hat unter Umgehung des Euratom-Monopols im März 1971 einen Vertrag mit der Sowjetunion abgeschlossen, der von 1974 an die Anreicherung von zuvor aus Frankreich geliefertem Natururan für das am Rhein gelegene Kernkraftwerk Fessenheim vorsieht.

Noch vor einem Jahr hätten Brüsseler Experten die Möglichkeit einer Reise Oboussiers nach Mpskau weit von sich gewiesen. Sowohl die politischen Implikationen, die man sich im EG-Hauptquartier Berlaymont in Hinblick auf die USA ausmalte, als auch der noch nicht ratifizierte Atomwaffensperrvertrag ließen ein Liebäugeln mit rotem Brennstoff für Westeuropas Kernkraftwerke unvorstellbar erscheinen.

In den schon zwei Jahre alten Kontakten mit der westdeutschen Industrie hatten die Sowjets die Ratifizierung des Sperrvertrages zur Voraussetzung für die Lieferung von angereichertem Uran gemacht. Nun ist die Zeit absehbar, in der diese Bedingung von den atomaren Habenichtsen der Gemeinschaft erfüllt werden kann.

Ob nun aus dem neuen Kontakt mit Moskau ein Kontrakt über die Lieferung von angereichertem Uran wird, ist noch ungewiß. Dennoch werden die Gespräche mit den Sowjets ihre Wirkung haben. Oboussier. soll schon bald nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion nach Washington reisen, um dort erneut über bessere Lieferbedingungen der Amerikaner zu verhandeln.