Von Petra Kipphoff

Im Nachhinein verwirren mir die Rezensenten die gehabten Tage: Sie schaukeln eine Wiege, in der ich nicht gelegen habe, zeichnen Wege in meine Wanderjahre, die ich nie gegangen bin, und legen mir ein Fleisch auf den Teller, das ich nicht mag.

Horst Janssen, 1970

Wir glauben Ihre sinnvollen Bilder nicht eben ganz zu verstehen, aber wir verweilen gern dabei und vertiefen uns öfter in ihre geheimnisvoll anmutige Welt.

Goethe an Ph. O. Runge, 1806

Die jüngste Radierfolge von Horst Janssen, „Hannos Tod“, entstand zwischen dem 15. und 21. Dezember 1972, umfaßt 23 Selbstbildnisse zu dem Text aus Thomas Manns „Buddenbrooks“: „Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt...“ Knapp in der Mitte dieser berühmten Lexikonpassage, die die Schilderung vom Sterben des kleinen Johann Buddenbrook unterläuft durch die Aufzählung der Symptome und die Beschreibung des Ablaufs einer Krankheit, heißt es: „In der dritten Woche ist die Schwäche auf ihrem Gipfel. Die lauten Delirien sind verstummt, und niemand kann sagen, ob der Geist des Kranken in leere Nacht versunken ist oder ob er, fremd und abgewandt dem Zustand des Leibes, in fernen, tiefen, stillen Träumen weilt, von denen kein Laut und kein Zeichen Kunde gibt. Der Körper liegt in grenzenloser Unempfindlichkeit. Dies ist der Zeitpunkt der Entscheidung...“

Diesen Zeitpunkt der Entscheidung, Angelpunkt eines metamorphen Geschehens mit offenem Ausgang, diesen Moment, wo die freie Fluktuation genau noch einen Pulsschlag entfernt ist von der endgültigen Ruhe eines Ergebnisses, hat Janssen dreiundzwanzigmal am Beispiel des Selbstbildnisses fixiert. Variationen im schmalen Bereich der unendlichen Zustandsmöglichkeiten zwischen Sein und Nichtsein: im verquollenen Kontur zerschundene Einzelteile eines Gesichtes, die vielleicht wieder einmal zusammenfinden werden; oder: eine durch die Strenge der Diagonalen ausgewaschene Physiognomie, die unten zum spitzen Mund der Toten zusammenschnurrt; oder: in unregelmäßigem Einsatz und Duktus vom Rand oder irgendeinem Punkt im Blatt sich lösende Linien, die zur Blattmitte hin dichter werden, sich zu Augen, Nase, Mund akkumulieren; oder: ein Halbprofil, exakt umrissen, Kreuz- und Parallelschraffuren verschatten die Partien zwischen Lippe, Kinn und um die Nasenflügel herum, schützen das Auge vor Ansprüchen und Aufgaben.