Am 16. März 1945 wurde Würzburg in Schutt und Asche gelegt. Achtundzwanzig Jahre danach ist man gleichgültiger geworden gegenüber dem, was damals erhalten geblieben ist oder wiederhergestellt werden konnte. Der Abriß von wichtigen Bauten des 19. Jahrhunderts zugunsten uniformer Geschäfts- und Bürohäuser, die Neubebauung der Hofstraße mit Betonklötzen für Banken, die drastische Veränderung des Marktplatzes, das Aufgeben der beim Wiederaufbau verbindlichen Proportionen und vieles andere zeigen deutlich: Die zweite Zerstörung Würzburgs schreitet voran.

Nun droht der wohl gewaltigste Eingriff in die noch erhaltene Stadtstruktur: Der Residenzplatz soll mit einer zweigeschossigen Tiefgarage für 1000 Stellplätze unterkellert werden. Der Erschließung des Stadtkerns für den Individualverkehr soll also eine barocke Platzanlage geopfert werden? Andernorts hat sich, vielfach zu spät, die Erkenntnis durchgesetzt, daß die Verkehrserschließung zur Verödung der Städte beiträgt, in Würzburg will man es nun verantworten, die bedeutendste Platzanlage völlig zu verändern.

Die gegenwärtige Planung sieht drei Ein- und zwei Ausfahrten, ferner einen breiten Ausgang für Fußgänger vor. Alle diese in die Tiefe führenden Einlasse liegen an der Peripherie des Platzes und schneiden nicht unmittelbar in dessen Oberfläche ein. Damit, so glaubt man, sei eine Lösung gefunden, die den Platz als Ganzes nicht beeinträchtigt. Aber dann wird man sich von keiner Seite mehr dem Residenzplatz nähern können, ohne die Löcher der Einfahrten und Ausstiege vor sich zu sehen, was eine völlige Isolierung des Platzes von der städtischen Struktur mit sich bringt. Damit ginge verloren, was den städtebaulichen Wert der Platzanlage ausmacht, nämlich die unmittelbare Öffnung in riesigen Dimensionen, die nicht nur dem Schloßbau Distanz und Macht verleiht, sondern ihn als Gegenpol zum Häusermeer der Stadt erscheinen läßt, eine Wirkung und Funktion, die nur dadurch möglich ist, daß der Platz und die angrenzenden Straßen eng integriert sind.

Schloßbau und Platzanlage sind eine Einheit, und dies von den ersten Plänen an. In zunehmendem Maße wurde die Verbindung zur Umgebung, der Bezug zur Stadtbebauung gesucht. Die Würzburger Residenz ist keine zufällig in vorstädtischem Gelände entstandene Unterkunft der fürstlichen Hofhaltung.

Von dem Bau der Tiefgarage wäre also nicht nur der Platz, sondern auch die Residenz selbst betroffen. Sie würde nicht mehr als integrierter Gegenpol der städtischen Bebauung, sondern, von der Stadt isoliert, hinter einem verschandelten Platz bestenfalls als Kulisse erscheinen.

Selbst wenn den Versprechungen, das alte Pflaster wieder auf der Oberfläche zu verlegen, nicht zu mißtrauen wäre, so würde doch der leichte Anstieg und die Krümmung nach den Seiten unwiederbringlich verlorengehen; die neue Funktion des Platzes als riesiges Pultdach über einer unterirdischen Tiefgarage wird kaum zu verschleiern sein. Die Verschandelung durch die notwendigen Lüftungsschächte und Notausgänge beträfe ebenfalls nicht nur die Platzoberfläche, sondern den gesamten Organismus: An die Stelle von Weite und Geräumigkeit träte kleinteilige Gliederung, die die Wirkung der Architektur zudem beträchtlich mindern müßte. Der jetzt geplante Eingriff wäre unvergleichlich, weil er Struktur und Wirkung von Platz und Schloßbau völlig verändern würde.

Es ist noch nicht einmal zehn Jahre her, daß in der Residenz umfangreiche konstruktive Sicherungsarbeiten durchgeführt werden mußten. Was eine riesige Baugrube unmittelbar vor der Residenz in einem geologisch sehr diffizilen, Grund für die statischen Verhältnisse des Schloßbaues bedeuten würde, ist gar nicht abzusehen.