Auf einer Arbeitstagung der Sozialdemokratischen Wählerinitiative in Bonn erklärte der Schriftsteller Günter Grass:

„Wahrscheinlich ginge es uns besser, das heißt, die SPD würde die Sozialdemokratische Wählerinitiative auch nach der Wahl intensiver als Partner wahrnehmen, wenn es die CDU/CSU verstünde, als konstruktive Opposition die sozialliberale Koalition unter jenen Druck zu setzen, den sie, weiß Gott, verdient. So aber – doch nicht nur, weil die Unionsparteien in ihre Agonie verliebt sind – kehrt sich ein harterrungener Wahlerfolg ins Gegenteil. Fett und allzu selbstsicher flezt sich die SPD im Schatten einer Mehrheit, die sie ohne den aktiven Beitrag vieler ihrer Wähler nie errungen hätte...

Vierzehn Jahre lang litt die Demokratie in der Bundesrepublik unter der Vermessenheit einer CDU/CSU, die sich als Staatspartei betrug; es solle sich niemand in der SPD versucht sehen, nun, nach gewonnener Wahl, Staatspartei unter anderen Vorzeichen spielen zu wollen. Deshalb mögen all jene, die vom imperativen Mandat träumen oder glauben, auf Parteitagen durch wohlfeile Resolutionen Regierungsverantwortung ersetzen zu können, der schlichten Tatsache gewiß werden, daß der Wähler als Bürger Souverän der Bundesrepublik ist.

Er erteilt jeweils für vier Jahre Auftrag an die zu bildende Regierung. Auch wenn die Bundesrepublik aus guten Gründen keine direkte Demokratie ist und auch in kein Rätesystem umgebogen werden soll, so ist sie gleichfalls kein ausschließlicher Parteienstaat. Deshalb verlangt die Entwicklung der Sozialdemokratie das permanente und notwendigerweise kritische Gespräch zwischen Wählern und Gewählten: hier werden keine Freibriefe erteilt, weder an Abgeordnete noch an Parteien...

In sieben Jahren intensiver politischer Kleinarbeit habe ich die Erfahrung gemacht, daß die SPD zwar gerne von Demokratisierung spricht, auch stattliche Reformarbeit geleistet hat, die solche Entwicklung fördern wird, doch sobald die gesellschaftliche Elle der Partei als Maß angelegt wird, wird konservative Zurückhaltung spürbar. Bis zur Albernheit widersprüchlich, will sich die SPD einerseits öffnen und mit ihren Wählern das vielberufene „Große Gespräch“ beginnen; doch andererseits zieht sie es vor, traditionell in sich gekehrt zu bleiben und den gestauten Mief zu hüten. Kurzum: Zwar soll gelüftet werden, doch fürchtet man Zugluft.

So wird es Aufgabe der Sozialdemokratischen Wählerinitiative bleiben, der Partei ihrer Wahl unbequem fordernd zu begegnen: gerade eine Reformpartei, die den Sozialismus durch immer mehr Demokratie wirksam machen will, muß es sich gefallen lassen, daß sie an ihren eigenen Ansprüchen gemessen wird.“