Als der orthopädische Chirurg Robert O. Becker vor ein paar Jahren öffentlich erklärte, er glaube, man könnte dereinst bei Säugetieren, mithin auch beim Menschen, amputierte Glieder nachwachsen lassen – ähnlich wie dies beim Salamander selbst geschieht –, sofern nur eine richtige Hormonbalance eingestellt und richtig dosierter elektrischer Strom angelegt wird, schüttelten die Zuhörer ungläubig den Kopf. Jetzt hat der Professor an der New Yorker State University genau dies erreicht, wenngleich auch nur im Anfangsstadium und vorerst auch nur bei Ratten.

Doktor Becker beschrieb unlängst ein Experiment an vier Gruppen von Ratten. Allen Tieren war das rechte Vorderbein amputiert worden. Bei den Ratten der ersten Gruppe ließ der Experimentator die Operationswunde lediglich verheilen, den Tieren der zweiten Gruppe legte er einen niedrigen elektrischen Strom an den Beinstumpf. Gruppe drei erhielt Elektrizität verhältnismäßig hoher Stromstärke in die Operationswunden und die Gruppe vier wurde mit einem Strom behandelt, der die „richtige“ Stromstärke hatte.

Die Resultate: Die Wunden verheilten in der ersten Gruppe wie gewöhnlich, in der zweiten Gruppe war ein Knochenwachstum zu beobachten, das stärker als normal war. Bei den Tieren der dritten Gruppe diagnostizierte Becker eine Zerstörung von Knochensubstanz.

Über das Ergebnis in der vierten Rattengruppe berichtet der Chirurg: „Wir fanden heraus, daß bei einem großen Prozentsatz dieser Fälle ein Wiederwachstum von organisierten, aus verschiedenen Geweben bestehenden Teilen der fehlenden Extremität stattgefunden hatte.“

Und weiter: „Die regenerierten Gewebe waren: Knochen, Knochenmark, Muskeln, Nerven und Blutgefäße. Zwar wuchs in keinem Fall ein komplettes Bein nach, doch die Menge und die Organisation der wiedergewachsenen Gewebe übertraf bei weitem alles, was bisher in solchen Fällen beobachtet oder mit anderen Techniken erreicht worden war.“

Die Regeneration wird von einer elektrischen Stimulierung der Zellteilung bewirkt, erklärt Becker, doch müsse der Strom, den man an die Zellen heranführt, äußerst präzise dimensioniert sein. Im Rattenexperiment habe sich als optimale Dosis eine Stromstärke von drei bis sechs Nanoampere herausgestellt. (Ein Nanoampere ist der milliardste Teil eines Ampere; eine 70-Watt-Glühbirne zum Beispiel wird von einem Drittel Ampere durchflössen.)

Im Salamander entsteht die Elektrizität von selbst an der Stelle, an der Gewebe zerstört worden ist. Deshalb wachsen diesem Tier fehlende Körperteile nach. Professor Becker hält es für sicher, daß auch der menschliche Organismus ursprünglich die Fähigkeit besessen hat, abgetrennte Gewebeteile nachwachsen zu lassen. Sie sei jedoch im Laufe der Evolution fast vollständig verlorengegangen, weil sie zur Erhaltung der Art offenbar keinen wirksamen Beitrag geliefert hat. So konzentrierte sich die elektrische Aktivität bei unserer Spezies mehr und mehr im Gehirn und im Zentralnervensystem. „Jetzt fehlt sie uns an den Stellen, wo sie zur Regeneration von Gewebe nötig wäre“, sagt Becker, „wir müssen sie darum von außen heranführen.“