ARD, Donnerstag, 29. März: „Ministerium der Angst“ von Fritz Lang

Man muß das Geständnis, das Fritz Lang im Sommer 1965 seinem Interviewer Peter Bogdanovich machte, nicht gar so ernst nehmen: „I saw it recently on television,... and I fell asleep.“ Langs Antipathien gegen den eigenen Film werden auch zwanzig Jahre danach noch transportiert von dem Groll, den er angesichts des Drehbuchs empfand – und sie werden sicher durch das Medium Fernsehen nicht gemildert. Auch Lang mußte schließlich, und sei es zur seelischen Selbsterhaltung, glauben, daß die Ausdehnung der Television nicht der letzte Grund war, wenn der Filmregisseur Fritz Lang von der Mitte der fünfziger Jahre an kein Kino mehr machen konnte (außer wieder in Deutschland; es war ein Strohfeuer). Es ist die besondere Ironie des kalten Medienkriegs, daß die Aktualität des Filmemachers Fritz Lang inzwischen fast ausschließlich durch Wiederaufführungen oder gar – bei uns – durch Erstaufführungen seiner Filme im Fernsehen bestimmt wird.

Wie sehr die Filme Langs in einer anderen Dimension gedacht sind, dafür bietet Ministry of Fear“ genügend Hinweise. Wenn zum Beispiel Carla Hilfe aus dem Dunkel des Zimmers hinter ihrem fliehender! Bruder herschießt, der nur kurz als Silhouette gegen den hell erleuchteten Flur zu sehen war, und die Tür hinter sich zuschlägt, dann erscheint in der totalen Finsternis ein winziges Loch aus Licht; die Kugel, so soll es scheinen, hat die Tür in Mannshöhe durchschlagen, dahinter wird man eine Leiche finden. Das kleine Licht kann auf dem Bildschirm kaum leuchten; wer es nicht weiß, mag einen Fehler in der Kopie oder ein Flimmern vermuten, wenn überhaupt etwas. Die Ironie des Medienwiderspruchs will es, daß die Television zur Zeit die einzige Chance ist, Filme dieser Art zu sehen, und daß sie gleichzeitig etwas Wesentliches an diesen Filmen verändern muß.

Das kann in diesem Fall, wenn man will, sogar zugunsten des Films ausgehen. Die vom filmischen Expressionismus aufbewahrte Lichtsymbolik, der Lang auch in „Ministry of Fear“ frönt, wird durch den Bildschirm ernüchtert. Das Loch in der Tür, das winzige Licht im Dunkel verliert fast ganz die Last ambivalenter Symbolik, die auf ihm liegt: das Licht, das Tod bedeutet – ein Langsches Paradoxon, in der vorletzten Szene des Films noch einmal knüppeldick vorgeführt – und zugleich der Hoffnungsschimmer der Eindeutigkeit am Ende eines sehr langen und sehr dunklen Ganges.

Stephen Neale, soeben aus einer Haftstrafe entlassen, die er zu verbüßen hatte, weil er seiner unheilbar leidenden Frau den Todeswunsch erfüllte – Neale ist von Anfang an in dieses Dunkel, das nicht das seine ist, eingehüllt. Er ist ein „wrong man“ (und nicht nur das erinnert an Hitchcock), der im kriegführenden England in das Netz der deutschen Spionage gerät, sich daraus zu befreien sucht, indem er das Dunkel zu erhellen trachtet, und der selbst verfolgt wird: von der Organisation des Gegners und schließlich auch noch von der eigenen Polizei. Alles wird sich aufklären, am Schluß gibt es sogar ein Happy-End – aber es regiert die Angst.

Angst und Mißtrauen, ein ringsum gestreuter Verdacht, die Zerstörung jeder Offenheit und dann, im entscheidenden Augenblick, sogar der Zweifel an der Sicherheit des erkennenden Gefühls: das ist das Ministerium, das regiert, das ist die Herrschaft dunkler Kräfte, das ist die Totalität des Krieges. Beglaubigt wird das alles mit Mitteln, die von Hitchcock stammen könnten (die vehemente Bedeutung, die plötzlich harmlosen Gegenständen zukommt), aber eben auch mit atmosphärischen Bildern, in denen Fritz Lang seine eigenen Kinophantasien versammelt: Nebel, Zwielicht, eine Wahrsagerin, eine spiritistische Sitzung. Wenig Musik, Originalgeräusche vielmehr, die oft außerhalb der Szene, die gerade im Blick der Kamera ist, beginnen, und dazu seltsam kalte, fast leere Bilder, die von einer zurückweichenden oder schwenkenden Kamera plötzlich gefüllt werden, das alles erzeugt im Zuschauer die Erwartung eines Kommenden, die Gewißheit der Ungewißheit. Man hat die Ereignisse und die eigenen Gefühle ebensowenig in der Hand wie Stephen Neale.

Der Unmut Fritz Langs seinem eigenen Film gegenüber läßt sich kaum nachvollziehen. Denn nicht die Klischees, die fast schon ausgelaugten Einfälle sind es, die Lang gegen den Film eingenommen haben. Er hatte sich sofort für den Roman von Graham Greene interessiert, aber die Paramount, solventer als er, hatte ihm die Filmrechte vor der Nase weggekauft. Und dann mußte sich der Regisseur mit einem Drehbuch abfinden, das seinen Vorstellungen nicht entsprach. So jedenfalls sagt Fritz Lang. Aber er sagt nicht, auch nicht dem aufmerksamen Bogdanovich, wie anders der Film hätte werden können. Das ist auch gar nicht zu sagen, denn „Ministry of Fear“ ist, auch in seinen typischen Schwächen, nichts anderes als ein Film von Lang.

Peter W. Jansen