Von Dieter Buhl

Während der Informationstour, die er vor zwei Wochen durch Süd- und Nordvietnam unternahm, stellte der kanadische Außenminister Mitchell Sharp wieder einmal seine Schlagfertigkeit unter Beweis. Auf einer von ihm in Saigon gegebenen Cocktailparty kritisierte ein weiblicher Gast die kanadische Forderung nach mehr Befugnissen für die Internationale Kontroll- und Überwachungskommission (ICCS): "Ihr Kanadier verhaltet euch wie eine Frau, die um eine möglichst große Mitgift feilscht." Sharp konterte ungerührt: "Wir sind auch nicht gerade Novizinnen im Geschäft der Friedenssicherung."

Das sind die Kanadier in der Tat nicht. Wo immer es in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Erdball kriselte oder krachte – kanadische Vermittler waren bald zur Stelle: Nach dem Waffenstillstand in Korea (1952) bemühten sie sich, Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China in Gang zu bringen; während der Suez-Krise (1956) sorgten sie dafür, daß eine UN-Polizeitruppe in den Nahen Osten entsandt wurde; kanadische Diplomaten schalteten sich ein, als sich der Zypern-Konflikt (1967) zuspitzte, und sie versuchten, zur Beilegung des Bürgerkrieges in Biafra (1968) beizutragen.

Die wohl schwierigste Vermittlerrolle aber hat Kanada jeweils in Vietnam übernommen. Schon 1954 traten die Kanadier neben den Indern und Polen in die von der Genfer Konferenz berufene Internationale Kontrollkommission ein. Seit Beginn dieses Jahres gehören kanadische Vertreter auch dem neuen internationalen Gremium an, das die Entwicklung in Vietnam überwachen und kontrollieren soll. Doch die Begeisterung, mit der die Kanadier bisher ihre Friedensmissionen versahen, ist inzwischen einer neuen Nüchternheit gewichen. Daß Außenminister Sharp nur wenige Wochen, nachdem seine 290 Landsleute ihre Überwachungsfunktion antraten, in Vietnam nach dem Rechten sah, beweist das.

Der hochgewachsene, schlanke Diplomat übernahm eine heikle, für ihn jedoch keineswegs unlösbare Aufgabe. Die schottische Gelassenheit und Standfestigkeit, die er von seinen Eltern erbte, haben dem 61jährigen nicht zum erstenmal geholfen, schwierige Situationen zu meistern. Zudem ist Mitchell Sharp kein Neuling auf dem schwierigen Parcours der Außenpolitik. Seit fast zehn Jahren wird er in den Hauptstädten der Welt als eine maßvolle, aber unüberhörbare Stimme Kanadas respektiert. Er vertrat während der fünfziger Jahre die kanadischen Interessen auf den für das Agrarland lebenswichtigen Weizenkonferenzen in London und Genf und war ein erfolgreicher Fürsprecher Kanadas bei vielen GATT-Runden. Als Handelsminister im Kabinett Lester Pearsons schloß er zu Beginn der sechziger Jahre umfangreiche Weizenlieferungen mit den Sowjets ab und bewies sein Organisationstalent als Planer der Weltausstellung in Montreal.

Seit dem Sommer 1968 ist Mitchell Sharp Außenminister der Regierung Trudeau. Der versierte Pianist, der schon gemeinsam mit dem Symphonieorchester von Toronto auftrat, hat inzwischen gezeigt, daß er auch die außenpolitische Klaviatur beherrscht. Das kanadische Engagement in der Vietnamfrage erfordert wieder sein Fingerspitzengefühl. Sharp muß darauf bestehen, daß seine Landsleute ihre Kontroll- und Überwachungsaufgaben ungehindert und wirkungsvoll versehen können. Er muß gleichzeitig dafür sorgen, daß die kanadischen Kommissionsmitglieder die diplomatischen Spielregeln nicht außer acht lassen: Weder dürfen Vietcong und Nordvietnamesen zu einseitig kritisiert und gemeinsam mit ihren Sympathisanten im kommunistischen Lager vor den Kopf gestoßen werden, noch dürfen die Kanadier nur die Südvietnamesen an den Pranger stellen, weil damit auch ihre amerikanischen Verbündeten desavouiert würden.

Das Bestreben Kanadas, als Schiedsrichter der Weltpolitik und als unabhängige außenpolitische Macht anerkannt zu werden, zwingt seine Kommissionsmitglieder in Vietnam zu einem Balanceakt.