Italien in diesen Tagen: Geschüttelt von Skandalen und Affären / Von Hansjakob Stehle

Rom, im März

Carabinieri, Polizisten, Soldaten, silbergepanzerte Gardekürassiere wie leibhaftige Monumente von Recht und Ordnung: Zu Zehntausenden säumten sie die Wege der italienischen Reise Gustav Heinemanns. Eingebettet, manchmal auch eingezwängt in ein von Korrektheit fast starres Protokoll, umgeben vom neon- und kerzenschimmernden Gold- und Spiegelglanz der Palazzi, geehrt durch jenes fast höfische Zeremoniell, in dem sich eine Staatselite selbst zelebriert – so erlebte der Präsident aus dem Residenzstädtchen am Rhein Italiens Hauptstadt. Der Atem von Jahrhunderten und von Auspuffgasen schien Rom aufzublasen, als könnte es niemals ersticken. Dabei war ihm gerade wieder einmal auf mancherlei Weise die Luft ausgegangen.

Nicht nur die Metropole, das Land, die ganze – laut Verfassung – „auf Arbeit gegründete Republik“, die in zweieinhalb Jahrzehnten zum siebtgrößten Industriestaat der Welt aufgerückt ist, hatte am Tage vor der Ankunft des Staatsgastes aus der verbündeten Bundesrepublik einen Schock erlitten: Mit einer um fast zehn Prozent abgewerteten Lira hatte sie sich aus der internationalen Währungskrise nur dadurch retten können, daß sie aus der Europäischen Gemeinschaft zunächst einmal ausscherte. Dem chronischen Streikfieber, der wachsenden Unlust von Arbeitern wie Unternehmern ausgeliefert, in Parteienstreit und Staatsverdrossenheit versackt, sucht Italien Zuflucht bei sich selber.

Niemand legt schonungsloser den Finger auf die eigenen Wunden als die Italiener. Zeigen aber die Analysen und Anklagen, die eine hochkultivierte Schicht von Gebildeten, von Publizisten, Professoren, Juristen, Literaten und Politikern vorbringen, einen Ausweg aus der Krise? Oder sind sie selber nur deren Symptome? „Bis vor einigen Jahren schien Italien in Europa geradezu Mode zu sein – italienische Maschinen, Bücher, Filme, Kleider, Schauspieler. Heute fängt man wieder an, uns Teppichhändler zu nennen“, klagte dieser Tage eine große Zeitung des Landes und fragte nach den Ursachen. Der Schriftsteller Alberto Moravia gibt die Schuld dem Konservativismus und Konformismus der Italiener, der sie stets zu Kompromissen, zur Vermittlung, zu ästhetischen Lösungen neigen lasse. Der Faschismus sei die einzige „neue“ Karte gewesen, die Italien in moderner Zeit gespielt habe – und diese sei allerdings die kompromißloseste, reaktionärste gewesen.

Aber, so kann man einwenden, hat die – wie sie immer wieder betont – „aus der Widerstandsbewegung erstandene Republik“ nicht auch die Erfahrung von 22 Jahren Faschismus auf eher konservative Weise „aufgehoben“? Der Name Mussolini, den die demokratischen Präsidenten Leone und Heinemann letzte Woche aus ihrer Staatsloge noch immer über der Bühne der römischen Oper in goldenen Lettern prangen sahen, ist mehr als ein zufälliges Überbleibsel – so wie der Antifaschismus, der bis heute eine geistige Brücke von den Christdemokraten bis zu den Kommunisten bildet, gewiß mehr ist als eine bloße Hilfskonstruktion. Doch beides ist verarbeitet zu einer sonderbaren traditionsverhafteten Mischung, die das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft, Bürgern und Beamten, zwischen der Bürokratie und der politischen, aber auch der wirtschaftlichen Führungsschicht prägt.

Kompromisse? Ohne Zweifel werden sie eben dadurch immer wieder möglich, und nur nordeuropäischer Ordnungsfanatismus kann das Menschliche, das in diesem Zustand steckt, geringschätzen. Aber zugleich infiziert er Italien mit den Keimen der Anarchie, lähmt er den Mut zu heilsamen Reformen und begünstigt allerlei autoritäre Medizinmänner: Sprüche klopfende Demagogen wie primitive Bombenleger, machtbesessene Taktiker wie korrupte Funktionäre. Es breitet sich eine Art „Selbsthilfe“ aus, welche die mangelnde Autorität des Staates und seiner Institutionen ersetzen will, indem sie ihn unterwandert, zum Teil sogar auf eine scheinlegale Weise.