Zinssätze für Tagesgeld von 12 bis 13 Prozent, wie sie in diesen Tagen auch von renommierten Großbanken bewilligt wurden, wären in früheren Zeiten undenkbar gewesen. Heute zuckt man darüber nur noch die Achseln. Offenbar tun sich einige Kreditinstitute schwer, ihrer Mindestreservepflicht bei der Bundesbank nachzukommen. Aber was macht das? Der Strafzins, den sie in einem solchen Falle zu entrichten haben, liegt unter dem Satz für Tagesgeld.

Auf die Dauer wird eine derart mißliche Situation auch auf die Wertpapiermärkte durchschlagen. Einige Banken haben bereits begonnen, ihren Bestand an festverzinslichen Papieren selbst bei Realisierung von Kursverlusten abzubauen, um zusätzliche Liquidität zu bekommen. Manche bei den Aktien zu beobachtenden Abgaben scheinen in den letzten Tagen ebenfalls auf das Konto der Kreditinstitute gegangen zu sein.

Wenn sich diese Verkäufe bislang nur wenig auf die Kurse auswirkten, dann lag dies einmal an dem immer zinsbewußter werdenden Publikum, das hochverzinsliche Wertpapiere den Spareinlagen vorzieht, zum anderen aber auch an der werbenden Wirkung, die nun einmal von steigenden Aktienkursen auf die Anleger ausgeht. Bevorzugt werden eindeutig die Papiere mit engem Markt, wo man sich am ehesten kräftige Kursgewinne ausrechnen kann. Die Vermögens- und Depotverwalter meiden die meisten deutschen Standardwerte, mit denen sich bestenfalls „Durchschnittserfolge“ erzielen lassen. Niemand aber will als „durchschnittlicher“ Vermögensverwalter gelten.

Unter dieser Einstellung haben besonders die Werte der Großchemie zu leiden. Selbst die berechtigte Aussicht auf eine Dividendenerhöhung bei Bayer vermochte die Anleger nicht aus ihrer Reserve gegenüber den IG-Farben-Nachfolgern herauszubringen. Ein Ausnahmepapier blieb Siemens, wo zeitweise neue Höchstkurse erreicht wurden. Hier waren konzentrierte Auslandskäufe zu beobachten. Die Ausländer beschafften sich das dafür notwendige Kontingent durch Verkauf anderer deutscher Wertpapiere, nicht weil sie Siemens für ein Ausnahmepapier halten, sondern weil hier in Kürze eine Kapitalerhöhung durchgeführt werden wird. Die auf den Siemens-Bestand entfallenden jungen Aktien können Ausländer ohne besondere Genehmigung beziehen und auf diese Weise ganz legal ihr deutsches Portefeuille vergrößern. Ob nach der Kapitalerhöhung eine Rückwanderung in andere Papiere einsetzen wird, bleibt abzuwarten. Einige deutsche Anleger scheinen sich darauf einzustellen, daß der Siemens-Kurs in Verbindung mit der Kapitalerhöhung vorübergehend stagnieren wird.

Salamander-Aktien liegen 20 Mark unter ihrem bisherigen Jahreshöchstkurs. Die hohen Umsätze deuten darauf hin, daß hier ein spekulatives Engagement abgebaut wird. Oder macht sich der Ausfall ausländischer Aufkäufe bemerkbar? Jedenfalls laufen die Salamander-Spekulanten zur Zeit mit langen Gesichtern herum. K. W.