Gerd Köster schreibt uns aus Osnabrück: "Nicht geehrte Redakteure und Redakteurinnen! Ich habe mich nach langdauernder Schreibfaulheit entschlossen, Ihnen diesen Brief zu schreiben. Gerade diese Schreibfaulheit Ihrer Leser ist wohl auch die Ursache dafür, daß DIE ZEIT zu Ihrem persönlichen Selbstbetätigungsfeld geworden ist. Es handelt sich um den schon oft kritisierten, uferlosen und unbegründeten Gebrauch von Fremdwörtern. Ich möchte hier keine konkreten Beispiele nennen: Ich müßte den vollen Inhalt vor allem der Artikel des Literatur- und Feuilletonteils Ihrer Zeitung zitieren. Ich meine, die Aufgabe einer Zeitung müsse auch darin bestehen, Information und Bildung auch den sozial und bildungsmäßig tieferen Stufen der Bevölkerung zuzuleiten. Wenn Ihnen das auf die Dauer nicht gelingt, schlage ich vor, Ihre Zeitung einzustellen. Wenn ein 19jähriger, nicht gerade dummer Abiturient weite Teile Ihrer Zeitung nicht versteht, wie soll dann ein Lehrling oder Arbeiter sie verstehen können? Damit spreche ich Ihrer Zeitung ein gewisses Niveau nicht ab, aber merke: Fremdwörter sind nicht verantwortlich für das Niveau einer Zeitung."

Der Einwand ist den Redakteuren und Mitarbeitern der ZEIT bekannt. Ein Grund mehr, ihn einmal dem Test des Pro und Contra zu unterwerfen.

CONTRA:

1. Fremdwörter sind überflüssig. Wo eine Sprachgemeinschaft neuer Wörter wirklich bedarf (etwa für neue Dinge), schafft sie sich diese Wörter.

2. Der Gebrauch von Fremdwörtern ist elitäres Gehabe – ein lunch(eon) soll etwas Besseres oder Anspruchsvolleres sein als ein Mittagessen.

3. Mit jedem Fremdwort, das einer verwendet, schließt er einen Teil derjenigen, denen er sich verständlich machen sollte, auf hochmütige Weise vom Verstehen aus.

4. Ein Reichtum von Fremdwörtern kann trefflich dazu dienen, eine Armut an Gedanken zu verbergen.

5. Die Mischung von Wörtern verschiedener Herkunft und oft fragwürdiger Aussprache verbindet sich zu nicht nur schwer verständlichen, sondern auch stilbrechend unschönen Gebilden – so wie ein Nierentisch mit Empirestühlen, türkischem Teppich und Popbildern.

6. Das Eindringen von Fremdwörtern führt zu einer Verarmung des Deutschen.

PRO:

1. Sprachgemeinschaften sind heute weniger noch als früher abgeschlossen gegen die übrige Welt. Wollen wir denn wirklich Whisky, Aquavit und Wodka, Dinge also, die aus der "übrigen Welt" zu uns gekommen sind, als "Wasser des Lebens" oder, wie es Karl-May-Leser kennen, als "Feuerwasser" bezeichnen? Das wäre freilich eine sprachgerechte Eindeutschung.

2. Man kann sich auch auf deutsch für andere so gut wie unverständlich ausdrücken – wie zum Beispiel manche Soziologenverlautbarungen lehren, die manchmal sogar für "die Arbeiterklasse" bestimmt sein sollen.

3. Viele Wörter, die heute ganz verständlich und scheinbar deutsch klingen, waren einmal Fremdwörter – von "Fenster" bis "Kaffee".

4. Je weniger die Gültigkeit eines Begriffes sich auf Sprachgemeinschaften beschränken läßt, desto eher tritt das internationale Wort an die Stelle des nationalen: Das gilt im Tourismus (Hotel, Jet, Tip) wie vor allem in der Wissenschaft (Geologie, Korrelation, asynchron). Wenn das eine Erschwerung der Verständigung unter Deutschen bedeutet, dann bedeutet es eine Erleichterung der Verständigung unter Menschen verschiedener Sprache.

5. Für viele Fremdwörter vor allem dieser mit dem vierten Pro-Argument gemeinten Art gibt es keine deutsche Entsprechung. Participation" ist eben die in Frankreich diskutierte Art der "Mitbestimmung", die sich von der deutschen wesentlich unterscheidet.

6. Gerechtfertigt erscheint aus solchen Gründen der Gebrauch von Fremdwörtern auch in Berichten über fremde Länder, und sei es nur zur Vermittlung von Lokalkolorit: Eine "Datscha" ist weder ein "Bungalow" noch ein "Wochenendhaus".

7. Der Gebrauch von Fremdwörtern kann zu einem persönlichen Stil gehören, kann ein Stilmittel sein.

CONCLUSIO

– wobei das Wort "conclusio" gewählt ist, um diese unsere Betrachtungsweise an scholastischaufklärerische Argumentationsformen anklingen zu lassen:

Als Schlußfolgerung ergibt sich deutlich genug, daß wir ohne Fremdwörter weder auskommen wollen noch auskommen können. Aber Gerd Köster fordert ja auch gar nicht deutschtümelnde Enthaltsamkeit von allem Welschen. Er verwahrt sich gegen den "uferlosen" und "unbegründeten" Gebrauch von Fremdwörtern. Und ich gäbe ihm völlig recht: wenn ich nur immer wüßte, wo die Ufer sind und wie gut die Gründe! Dafür lassen sich Regeln wohl nicht aufstellen. Allgemein gilt jedoch sicher: Es ist unhöflich und dumm, sich so auszudrücken, daß diejenigen, an die man sich wendet, einen nicht verstehen können.

Rudolf Walter Leonhardt