ARD, Sonntag, 25. März: „Tagesschau“, ZDF Sonntag, 25. März: „Pfarrer Sommerauer antwortet“ und „Nachrichten – Wetter“

In Ludwigshafen fand ein Frauenkongreß statt; Sozialdemokratinnen debattierten über Aktionsprogramm. (Der Plural klingt befremdlich, und das soll er auch: Wieso eigentlich haben die Frauen, im Gegensatz zu den Männern, kein Recht, ihre Kollektive zu feminisieren und die Mehrheit mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie die Einzahl für sich zu beanspruchen? Warum werden zwei Frauen, von denen jede sich als Sozialdemokratin oder Kommunistin oder was immer bezeichnet, im Plural entweder vermännlicht oder genötigt, zu Umschreibungen Zuflucht zu nehmen: Wir, als sozialdemokratische Frauen ... wie verräterisch ist das Adjektiv: auf die Rolle derjenigen verweisend, die zunächst einmal Frau und dann auch noch etwas anderes ist, wie doppelt verräterisch, wenn man sich vorstellt, eine Kongregation, von Sozialdemokraten bezeichnete sich als eine Ansammlung sozialdemokratischer Männer! Mag der einzelnen das Politikum gestattet sein... wo’s ans Kollektiv geht, hört der Spaß auf! Sozialdemokratinnen: ein Fastnachts-Witz, beklatscht mit Helau!)

Sozialdemokraten weiblichen Geschlechts also debattierten in Ludwigshafen, wählten eine Nachfolgerin für die nicht mehr amtierende Präsidentin, sprachen dabei über Probleme, die sie in besonderer Weise betrafen, und erklärten sich dabei, im Fall § 218, mit überwältigender Mehrheit für die Fristenlösung und gegen das Votum des Justizministers, der die bisherige Praxis mangelnder Berücksichtigung der Mutter, die Fristenlösung hingegen sträflicher Vernachlässigung des Ungeborenen zeiht: auf die Abwägung beider Güter käme es an, und die sei am besten gewährleistet, wenn man die Indikationslösung wähle.

Dies, alles erfuhr der Betrachter am Bildschirm in der Tagesschau am Sonntag, um acht. Hatte er dagegen, das ZDF bevorzugend, nur die Nachrichten um 19 Uhr. 45 gehört, dann hörte er weder etwas von der Jahnsehen Argumentation (nur das Bekenntnis zur Indikationslösung als solches wurde, mitgeteilt, nicht dessen Begründung) noch von den Resolutionen der Ludwigshafener Sozialdemokratinnen. (Der Sprecher teilte mit, wen die Frauen gewählt hatten; worüber man gesprochen hatte, wurde verschwiegen.)

Fast schien es, als hätte an diesem Abend der Geist des kurz zuvor gegen Modeerscheinungen aller Arten wetternden Pfarrer Sommerauer den Duktus der ZDF-Nachrichtensendung bestimmt... Pfarrer Sommerauer in dem ihm eigenen Stil: für die Homosexuellen mit dem Argument eintretend, er könne nicht einsehen, warum ein „normaler“ Sexual-Wüstling über die an ihrem Elend leidenden Schwulen den Stab brechen dürfe, und das Problem des Paragrapehn 218 mit dem Hinweis auf eine Briefschreiberin akzentuierend, die, zum Kinds- und, Selbstmord entschlossen, sich nach einem Besuch des Sommerauerschen Pfarrhauses zum Austragen des Embryos entschloß: Ihre Frau, las der geistliche Herr, hat mich so freundlich angeschaut, obwohl sie nicht gesund war und gerade große Wäsche hatte. Er las es wahrhaftig – und wehrte vor dem Verlesen des Briefes noch den Vorwurf ab, daß er sich Weihrauch zu streuen gedenke. (Weihrauch, denke ich, riecht doch anders: Hier wurden... Nebelkerzen, geworfen – Kerzen, die dann auch die Resolution der Sozialdemokratinnen verhüllten.)

Momos