Von François Bondy

W er die Vereinigten Staaten nur im Abstand von drei bis vier Jahren besucht, erfährt unmittelbar den Schock des sich schnell wandelnden „Zeitgeistes“ – das deutsche Wort, das in amerikanischen Publikationen am häufigsten vorkommt. Gestern war eine neue Periode der Geschichte angebrochen, heute können sich die Bahnbrecher und Bannerträger selber nur noch mit Mühe an jene Atmosphäre erinnern.

Der Sturm auf das Establishment, der im Universitäts-Campus von Berkeley begonnen hatte, kündete zugleich eine „Gegenkultur“ und eine politische Revolution an. Sogar der Korrespondent der sonst nüchternen Londoner Times prophezeite damals, die USA würden sich bald auflösen. Es war das Ende der Autorität der gewählten Politiker, der Gerichte, der Lernanstalten. „Student Power“, die Macht der Studenten, sollte sich mit „Black Power“, der Macht der Schwarzen, verbünden.

Schlüsselworte waren damals – es sind fünf Jahre und eine Ewigkeit her – „Lebensstil“, „Authentizität“, „Konfrontation“, „Gewalt“. Katalysator war der endlose Vietnamkrieg, der als ebenso sinnloses wie niederträchtiges Abenteuer empfunden wurde und als Sündenfall des demokratischen Establishments mit seinen liberalen Intellektuellen. Die Veröffentlichungen des „underground“ waren damals anspruchsvoll, oft stimulierend, am angesehensten aber war die alle zwei Wochen erscheinende New York Review of Books, die neben feinsinnigen ästhetischen Abhandlungen Molotow-Cocktails mit Herstellungs- und Gebrauchsanweisung abbildete.

Zweimal konvertierte die Bewegung – „The Movement – zu normaler politischer Tätigkeit, einmal zugunsten des Anwärters auf die Präsidentschaftskandidatur Eugene McCarthy, sodann zugunsten des Senators McGovern. McGoverns eklatante Niederlage im vorigen November – nur Selbstberauschte wollten sie nicht voraussehen – hat den letzten großen Anlauf des „Movement“ gebrochen.

Das Amerika des triumphal wiedergewählten Nixon wirkt nicht wie eine reaktionäre Kruste über einem noch zu Ausbrüchen fähigen Vulkan, sondern wie der Ausdruck einer massiven Entscheidung – nicht für die republikanische Partei wohlgemerkt, aber gegen alles, für das McGovern und seine glücklosen Wahlhelfer standen. Selbstkritik und Einkehr ist jetzt bei vielen Intellektuellen anzutreffen, die zuvor auf die Revolution gesetzt hatten. Führer der „Black Panther“, die Gewalt nicht nur propagiert, sondern auch praktiziert hatten, sind jetzt Kandidaten für städtische Ämter oder ganz in der Wohlfahrt tätig.

Zugleich sind Intellektuelle im Gespräch, die man „antirevolutionär“ nennen kann. Jene prominenten Professoren, die sich in ganzseitigen Zeitungsannoncen für Nixon als das „kleinere Übel“ ausgesprochen hatten, sind nur ein Teil davon. Wer heute die Universitäten besucht, mit Studenten redet, findet eine Klimaveränderung, als sei eine ganz andere Generation an der Reihe. Nichts wirkt so verstaubt wie die zahllosen Bücher, die „The Movement als die wahre Revolution unserer Epoche verherrlicht hatten – „The Greening of America“ des Yale-Professors Reich etwa oder die Bücher der Franzosen Edgar Morin und Jean-François Revel, die eben keine neuen Toquevilles geworden sind. Sogar die Namen der einstigen „trend setter“, von Herbert Marcuse bis Mashall McLuhan, sind verblaßt.