Von Walther Killy

Ideologie, Ideologie, Ideologie. Nirgends ein ästhetischer Begriff; das Ganze ähnelt der Beschreibung einer Speise, bei der nichts über den Geschmack vorkomm. Bertolt Brecht, 10. 6. 1950

Es ist nicht leicht, Germanist zu sein, und war es nie, auch nicht in den Zeiten des klassischen Oberlehrers oder Gymnasialprofessors oder in denjenigen, in welchen der Professor Rothe triumphal als Rektor der Berliner Universität seinen Kaiser zur Jubiläumsfeier empfing. Zwar war damals das Selbstbewußtsein ungebrochen, und das Fach Deutsch war ein „Kernfach“. Aber schon trug das Fach, das noch von wenigen, etwa dem wackeren Mehring, erkannte Stigma des Weltanschauungsfaches. Es diente nicht der Erkenntnis, sondern der Erziehung, und es hing sein Mäntelchen wie kein anderes nach dem Wind.

Die Geschichte der deutschen Lesebücher gibt davon ebenso Kenntnis wie die der deutschen Unterrichtsrichtlinien. Spätestens seit den mit Siegeshymnen besungenen Krieg von 1870 wurde der Deutschunterricht zum Integrationsfach, in dem weniger die klassische Dichtung verekalt als eine. Ideologie verherrlicht wurde. Erst war es die,, welche „dem patriotischen Empfinden des heranwachsenden Geschlechts Genüge“ tun wollte; „kommen wir doch diesem Verlangen entgegen, machen wir der Jugend das Auge groß und die Brust weit für das, was vaterländische Größe und nationale Ehre ist“. Das war ein Zitat aus den neunziger Jahren. Dann folgte (auf demselben Wege) die Forderung, man müsse in Sachen Deutschunterricht sich „im Einklang fühlen mit der Volksseele“; das war ein Zitat von 19C7. Im Jahre 1917 aber ging es, nach einer Eingabe des Deutschen Germanistenverbandes, um „Veredelung, Stärkung und Wertung unserer Art“. Formulierungen, in denen man das Dritte Reich schon vorausahnen kann.

Falsche Wissenschaftlichkeit

Es wurde ein neues, nicht mehr nur literarisch begründetes Fach postuliert, die „Deutschkunde“, die „auf dem Wege einer bewußt deutschen Erziehung eine einheitliche und zukunftsichere deutsche Bildung schaffen wollte“. Und im Jahre 1926 faßte man das im Hinblick auf den Schulunterricht so zusammen: „Das deutsche Leben erschließt sich erst, wenn wir alle seine Erscheinungen erfassen. Daher gehören zur Deutschkunde: Sprache, Schrifttum, Kunst, Sitte, Weltanschauung, Recht, Stammesart, Volksart, Staat, Landschaft, Wirtschaft, Wohnung ... Arbeit im Sinne der Deutschkunde bedeutet eine Einstellung.“ Wir wissen noch alle, wie die Einstellung dann 1933 verbindlich gemacht wurde.

„Arbeit im Sinne der Deutschkunde bedeutet eine Einstellung.“ Dieser Satz faßt bis auf den heutigen Tag das Elend des Deutschunterrichts zusammen, denn wir sind wieder so weit, daß für die Arbeit im Deutschunterricht eine „Einstellung“ vorausgesetzt werden soll, zum Teil von Amts wegen; Wir sind auch wieder so weit, daß die Schulbehörden wiederum mit Eilfertigkeit ihr Hemd nach dem Wind hängen und das Kind mit dem Bad ausschütten. Die letzte ideologische Mode wird mitgemacht oder gar vorgeschrieben, wobei man häufig nicht bemerkt, daß sie schon im Begriff ist zur vorletzten Mode zu werden. Ein wenig erwünschtes Beispiel dafür sind die Rahmenrichtlinien, die der hessische Kultusminister für das Fach Deutsch herausgegeben hat. Sie kommen einigermaßen frisch von der Presse, aber sie sind insofern uralt und ganz in der schlechten Tradition der Germanistik (sie hat auch eine gute), als sie den Mantel falscher Wissenschaftlichkeit benutzen, um nickte Ideologie zu verbergen.