J. Schw., Washington, im März

Wenige Berufungen durch Präsident Nixon haben so ungeteilten Beifall gefunden wie die des 75 Jahre alten Botschafters David Bruce zum Leiter des amerikanischen Verbindungsbüros in Peking, das Anfang Mai eröffnet werden soll.

Nixons Wahl fiel auf Bruce, weil der Volksrepublik China und zugleich der Sowjetunion vor Augen geführt werden soll, welche Bedeutung Washington seinen künftigen Beziehungen zu Peking beimißt. Die Chinesen schätzen Alter, Weisheit und Erfahrung; das trug mit zu dem Entschluß bei, David Bruce zu berufen.

Der Diplomat tritt seine delikate Mission an, ohne in der Lage zu sein, dem chinesischen Staatsoberhaupt ein Beglaubigungsschreiben zu überreichen. Er ist nicht Chef einer vollwertigen Botschaft, sondern nur Leiter eines „Verbindungsbüros“. Mit dieser Lösung wollten Amerikaner und Chinesen ein für beide gleichermaßen prekäres protokollarisches Dilemma ausklammern. Die USA wollen ihre weiterhin durch einen Sicherheitspakt flankierten Beziehungen zu Nationalchina noch nicht aufgeben. Die 7000 Mann starken amerikanischen Nachschubverbände auf der Insel werden nicht sogleich abgezogen. Aber sie werden nach und nach verschwinden.

Die Amerikaner glauben sicher zu sein, daß Peking eine latente, aber nicht provozierend gegen sie gerichtete machtpolitische Präsenz der USA zur Zeit durchaus erwünscht ist. Das gilt zumindest solange, wie der Kreml noch einen gegen China gerichteten asiatischen Sicherheitspakt plant, seinen ideologischen Unfehlbarkeitsanspruch aufrechterhält und an der langen Grenze im Norden große, atomar gerüstete Armeen unterhält. Washington meint sogar, der chinesischsowjetische Bruch sei weniger durch die Ussuri-Zwischenfälle als durch die Besetzung der Tschechoslowakei endgültig und unheilbar geworden. Es beobachtet auch mit Interesse Pekings positive Haltung zur europäischen Gemeinschaft, die für China einen nicht zu unterschätzenden Faktor an der Westgrenze der sowjetischen Machtsphäre darstellt.

Es gilt heute als ziemlich sicher, daß die USA eine militärische Aktion der UdSSR gegen China nicht unbeteiligt hinnehmen würden. Verstärkt gilt jetzt, was der ehemalige stellvertretende amerikanische Außenminister Elliot Richardson (heute Chef des Pentagon) schon 1969 als Warnung an die Adresse Moskaus richtete: Ein Atomkrieg zwischen der Sowjetunion und China würde die Interessen Amerikas direkt berühren.

Die Vereinigten Staaten haben sich freilich nicht festgelegt. Sie haben weder den Russen für den Fall des Falles mit einer Intervention gedroht, noch den Chinesen einen Schutz gegen sowjetische Präventivaktionen garantiert. Die Amerikaner wollen flexibel bleiben, um die beiden kommunistischen Großmächte im Ungewissen zu lassen und zur Vorsicht zu mahnen. Aus dem gleichen Grunde rät die amerikanische Regierung Japan, in der Rivalität zwischen Moskau und Peking keine Partei zu ergreifen. Die machtpolitische Konstellation im Fernen Osten soll in einem Schwebezustand gehalten werden, bis sie durch ein tatsächliches Kräftegleichgewicht völlig ausbalanciert werden kann. Die Möglichkeit für eine solche Machtbalance zu sondieren, gehört zu den Aufgaben des Musterdiplomaten David Bruce.