Der irakische Außenminister Baki hat am Dienstag territoriale Ansprüche seines Landes am Persischen Golf geltend gemacht. In einem Interview mit der libanesischen Zeitung An Nahar erklärte er: „Irak möchte ein Golfstaat werden – das ist der Kern des Grenzkonfliktes mit Kuwait.“

Am Dienstag der Vorwoche hatten irakische Truppen den Grenzposten Al Samita auf dem Territorium Kuwaits besetzt und einen anderen, Um Kasr, beschossen. Kuwait, eines der reichsten Öl-1änder der Welt (18 Prozent der Welt-Erdölreserven, höchstes Pro-Kopf-Einkommen aller Staaten), fordert den Rückzug der Eindringlinge vor jedem weiteren Gespräch. Mehrere Staaten der Arabischen Liga haben vermittelnd interveniert, in erster Linie das beunruhigte Saudi-Arabien.

Außenminister Baki gab nicht zu erkennen, ob und wann mit einem Rückzugssignal zu rechnen sei. Vielmehr betonte er, das Gebiet um Samita sei irakisches Territorium und von großer militärischer Bedeutung, da von dort aus Truppenbewegungen im Südirak beobachtet werden könnten.

Der Streit geht auf das Jahr 1961 zurück, als Großbritannien Kuwait in die Unabhängigkeit entließ. Irak erhob damals Ansprüche auf das Scheichtum, da beide einmal zur Zeit der Türkenherrschaft lose verbunden gewesen waren. Englische Truppen mußten Kuwait schützen, bis Irak nach dem Sturz des Regimes Kassem (1963) die Souveränität des Golfstaates, der etwas größer als Hessen ist, anerkannte. Als Gegenleistung erhielt der an Erdöl nur halb so reiche Nachbar 30 Millionen kuwaitische Dinare (etwa 300 Millionen Mark) als zinslosen Kredit auf 25 Jahre. Aber die Grenze wurde nicht genau markiert.

Ende Februar flog Kuwaits Außenminister Scheich Sabah Ahmed nach Bagdad. Die Gespräche über die Grenzziehungen wurden unterbrochen. Vor der geplanten zweiten Runde in diesem Monat in Kuwait wurde nun die Politik mit anderen Mitteln fortgesetzt.

„Die Vorstellung ist zu naiv, daß es hier nur um einen Grenzdisput geht“, schrieb An Nahar schon vor dem Interview mit dem irakischen Außenminister. Es lag nahe, die Ereignisse im Zusammenhang mit dem Kampf um Einfluß am Persischen Golf zu sehen.

Hier steht auf der einen Seite Irak, unterstützt von der Sowjetunion (Freundschaftspakt seit April 1972), die bis zum Ende dieses Jahrzehnts mehr als ein Drittel ihres Energiebedarfs durch Importe decken muß. Auf der anderen Seite Kuwait mit Saudi-Arabien und Persien, wobei das Reich des Schah durch Waffenkäufe in den Vereinigten Staaten zur stärksten Macht am Golf wird.

Bei den Gesprächen in Bagdad ging es auch um zwei kleine Inseln vor der Küste Kuwaits. Irakische Truppen hatten sie 1971 besetzt. Möglicherweise liegt unter ihnen viel Öl. Arabische Zeitungen glauben, daß Irak den Grenzposten als Faustpfand benutzt, damit Kuwait diese Inseln freiwillig abtritt. Aber auch Kuwait hat ein Druckmittel: 30 000 irakische Gastarbeiter.