Wenn nach dem neuen Hamburger Schulverfassungsgesetz schon die Fünfzehnjährigen mitbestimmen dürfen, wer der Rektor oder „Direx“ wird, dann bahnt sich eine interessante Entwicklung an. Fortan wird wenigstens an einem einzigen Orte die Idee vom Paradies auf Erden verwirklicht werden. Jedenfalls ist es ein Anfang, der viel Schönes für die Zukunft verspricht.

Es sei jedoch der Hinweis erlaubt, daß man es bei der Wahl nicht belassen sollte. So ein Studienrat ist Wachs in den Händen der Schülerinnen und Schüler, solange er hofft, für die kommenden zehn Jahre zum Direktor gewählt zu werden. Ist er aber gewählt, so hat er zehn Jahre Zeit, den aufs neue Unterdrückten zu zeigen, was eine Harke ist. Es ist also notwendig, auch hier das „konstruktive Mißtrauen“ einzuführen. Sobald beispielsweise die Klassenarbeiten zu schwer werden und die schlechten Zensuren überhand nehmen – weg mit dem Direktor! Am besten ist übrigens, nicht nur den Schulvorstand, sondern alle Lehrer ohne Ausnahme durch die Schüler wählen zu lassen, und zwar ausschließlich durch diese, nicht also durch Gremien, die „drittelparitätisch“ aus Eltern, Lernenden und Lehrenden zusammengesetzt sind, wie dies in Hamburg erwogen wird, das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Falls dennoch die drittelparitätische Regelung in Hamburg durchkommen sollte, können die Schüler nicht damit rechnen, daß sie aus allen Schwierigkeiten heraus sind.

Meine Gedanken gehen zurück in die Jugend, ja, noch darüber hinaus. Denn ich entstamme einer Familie, die sich seit Generationen und Generationen durch Kunst und Pädagogik ernährt oder wenigstens am Leben erhalten hat. Jedoch hat in meinem Falle eine Mutation stattgefunden: Ich hätte kein Lehrer werden können, doch war ich ein sehr erfahrener Schüler, von dem noch jahrelang nach dem Abitur geredet wurde. Deshalb rate ich den jungen Generationen von heute, für die ja jeder ein Herz hat, bei der Wahl vorsichtig zu sein.

Zum Beispiel darf man sich durch den Anblick schlanker, schneller, angeblich kameradschaftlicher Lehrer nicht täuschen lassen. Man ziehe schwerere Kaliber vor, denen die Zornesader gelegentlich schwillt und die etwas Ruhiges, Gleichmäßiges, ja, sogar Seniles an sich haben, sei dies selbst in jungen Jahren. Es ist viel leichter, mit Katapulten auf sie zu schießen, und hat nicht gleich so harte Konsequenzen. Und das Katapult-Beispiel ist nur eines unter vielen, so wie die Wahl der Lehrer an höheren Schulen nur ein Exempel, nur ein Anfang ist.

Der Eifer, mit dem die Pennäler den Studenten darin nachgestrebt haben, daß sie auf offener Straße demonstrieren, hat mich mit Genugtuung erfüllt. Erinnere ich mich doch sehr gut an die schrecklichen Zeiten, da wir den Lehrern folgendes Lied anstimmen mußten: „Die Luft ist so blau, der Tag ist so schön. Wir bitten den Herrn Lehrer, spazierenzugehn!“

Nicht nur, daß wir oft vergeblich sangen, ja, sogar eine Stunde nachsitzen mußten für das melodiöse Flehen: Wir wurden sogar höhnisch gefragt, wie es denn gemeint sei: Wer solle da spazierengehn, wir, oder er, der Lehrer? Als ob das nicht auf dasselbe herausgekommen wäre!

Heute verlangt die Gerechtigkeit, daß auch Volksschüler demonstrieren dürfen und ihre Lehrer selber wählen sollten. Auch den Schutzbefohlenen der Kindergärten sollte die Wahl der Vorsteherin oder Obergärtnerin erlaubt werden. Denn dann dürfte schließlich das Gelände vorbereitet sein, auf dem etwas Vernünftiges geschehen könnte: Wie, wenn die Gefängnisinsassen ihren Direktor wählen dürften?

Auf diese Idee scheint selbst im fortschrittlichen Hamburg mit seinem Fuhlsbüttel-Gefängnis und der tödlichen „Glocke“ noch niemand gekommen zu sein.