Franklin Reid Gannon: „The British Press and Germany 1936–1939“; Clarendon Press, Oxford 1971; 312 Seiten, sh 65/-

Hitler und seine Forderungen erscheinen Gannon rückblickend wie „ein Trichter, in den die britischen Stellungnahmen zu jeder Frage von den Rüstungen bis zur Xenophobie geschüttet wurden: Was aus dem Trichter herauskam, war eine einzige Politik, die des Appeasement. Eine der besten und sicher eine der bündigsten Quellen für diese verschiedenen Stellungnahmen und diese Politik ist die britische Presse. Der Autor will die „Psychologie des Appeasement“ in ihrer ganzen Vielschichtigkeit aus den Blickwinkeln und Meinungsäußerungen der größeren britischen Zeitungen“ erschließen. Dabei hat er die im einzelnen geprüften Organe einmal nach ihrer überregionalen Bedeutung und ihren Einflußmöglichkeiten auf alle Schichten der Bevölkerung und zum anderen unter dem Aspekt ausgewählt, möglichst die verschiedenen publizistischen Standorte in der Befriedungspolitik zu fixieren.

Sieben Tages- und zwei Sonntagszeitungen werden als jeweils repräsentativ analysiert: aus dem konservativen Lager die Times mit ihrem nicht selten regierungsoffiziösen Charakter auf Grund der engen Beziehungen zwischen ihrem Chefredakteur, G. Dawson, und der konservativen Führung um Chamberlain und Halifax; der gouvernementale, aber antideutsche und vielfach Churchill als publizistische Plattform dienende Daily Telegraph (mit der 1937 fusionierten Morning Post); Rothermeres prononciert prodeutscher Daily Mail; Beaverbrooks imperialistisch-isolationistischer Daily Express sowie Garvins (bis München) prodeutscher Observer und die deutschfreundliche Sunday Times; von liberaler Seite der Manchester Guardian und der News Chronicle, beide mit stärkstem Vorbehalt gegenüber dem NS-Regime und der Deutschlandpolitik Whitehalls; und endlich als Labour-Organ der in der selben Richtung liegende Daily Herald.

Außerdem konnte Gannon als einer der ersten die Archive der Times und des Manchester Guardian sowie die privaten Nachlässe von drei führenden Journalisten, G. Dawson (Times), F. A. Voigt (Manchester Guardian) und G. W. Price (Daily Mail), auswerten.

Schon diese Auswahl kennzeichnet die einseitig politisch-diplomatische Ausrichtung der Analyse. Von führenden City-Blättern fehlen etwa die Financial Times und die Financial News, auch den liberalen Economist vermißt man. Dadurch ist der ganz zentrale Bereich des „Economic Appeasement“ ausgeklammert.

Bedauerlicherweise ist auch die erste eingehende Studie zur britischen Pressepolitik in den dreißiger Jahren, D. Aigners voluminöses Buch „Das Ringen um England“, nicht einmal im Literaturverzeichnis aufgeführt. Ein weiterer methodischer Einwand: Eine publizistische Untersuchung mit exemplarischem Wissenschaftsanspruch sollte nicht auf einige grundlegende Überlegungen zur Funktion und Bedeutung der Presse im öffentlichen Meinungs- und Willensbildungsprozeß verzichten. So ist etwa eine Feststellung wie die folgende mediensoziologisch viel zu gewichtig, als daß sie einfach im Raum stehenbleiben dürfte: „Finanziell und intellektuell war es unklug oder unmöglich für die britische Presse, eine ausgesprochen kritische Haltung gegenüber Nazideutschland einzunehmen: Die Leser wollten es nicht lesen, und die Intellektuellen wollten es nicht schreiben.“

Ungeachtet dieser Bedenken erfährt der Leser vor allem dank der Archivalien interessante Hintergrund-Informationen: über verdeckte Fäden zwischen Regierung und Presse oder über Spannungen zwischen Auslandskorrespondenten und heimischen Redaktionen. In einem vorgeschalteten systematischen Teil, in dem die einzelnen Organe personell, mit ihren Leserkreisen und ihrer politischen Profilierung vorgestellt werden, wendet sich Gannon unter anderem gegen die landläufige Unterstellung einer verhängnisvollen Konspiration zwischen Times und konservativer Führungsschicht und betont die publizistische Souveränität des Blattes. Als eine „unabhängige konservative Zeitung“ sei die Times für die Deutschlandpolitik eingetreten, die „zufällig“ mit der Baldwins und vor allem Chamberlains übereingestimmt habe.

Im Hauptteil werden in chronologischer Abfolge die gravierenden Ereignisse der englischdeutschen Beziehungen von 1936 bis zum Kriegsausbruch jeweils von den verschiedenen Presseberichten und -kommentaren her beleuchtet. Abschließend untersucht Gannon die Triebkräfte und Ausdrucksformen des Appeasement. Er konstatiert, daß bei aller Differenzierung in der politisch-ideologischen Ausrichtung der Presseorgane doch mit wenigen Ausnahmen „eine überwältigende Ähnlichkeit der Auffassung“ gegenüber Deutschland bestand. Bernd-Jürgen Wendt