„Kehrseiten und andere Ansichten“, Lyrik und Prosa von Volker W. Degener. Der Chirurg setzt das Seziermesser an: Von einem ehemaligen Briefträger nimmt er die Beine, von einem in Abstimmungen erprobten Politiker die Hände, von einem – möglichst würdevollen – Richter das Haupt; geschickt fügt er die Teile aneinander. „Geburten“ ist die Eröffnungsgeschichte in Volker W. Degeners zweitem Buch „Kehrseiten und andere Ansichten“. Sie ist der Schlüssel zum Werk dieses talentierten jungen Autors, der im vergangenen Jahr mit dem Kurzroman „Du Rollmops“ debütierte. Degener, Jahrgang 1941, von Beruf Polizeihauptkommissar, seziert seine Umwelt messerscharf; er versteht Atmosphäre zu zaubern, aber er kann auch Kritik an Mißständen hierzulande vortragen; seine Texte reichen von der tagespolitischen Aktualität bis hin zu einem Hauch Nostalgie. Er dosiert geschickt, wagt ab, erfaßt blitzschnell im Detail das Wesentliche; er widerlegt einmal mehr das Märchen, heutzutage könne man nicht mehr und nichts mehr erzählen. Die Situation des Autors Degener ist mit der eines Eiskunstläufers vergleichbar: Über seine Pflicht – gegen Bürokratismus, Unmenschlichkeiten anzugehen – ist er sich im klaren; seine Kür besteht darin, daraus auch noch einen Lesegenuß zu machen. Der Band zeigt ein breites Spektrum sprachlicher Möglichkeiten: Schon nach wenigen Zeilen jeweils verurteilt Degener den Leser zum Weiterlesen. Die Prosatexte „Libido“ und „Anstand“ sind die Glanzlichter in dieser Sammlung, zu der Hugo Ernst Käufer ein kluges Nachwort schrieb. (Georg Bitter Verlag, Recklinghausen; 48 S., 8,– DM.) W. Christian Schmitt

„Die Geschichte von Addie und Long Boy und wie sie beide fröhlichen Herzens auf anderer Leute Kosten leben“, Roman von Joe David Brown. Klein-Addie aus Alabama ist zwar, gemessen an der Gören-Impertinenz einer Zazie, fast ein treuherziges Geschöpf, in ihrer vielseitigen Rolle als „Assistentin“ Long Boys jedoch eine Attraktion. Nach dem Tod der allzu lebenslustigen Mama angelte sie sich Long Boy alias Moses Pray zielstrebig aus dem Triumvirat der möglichen Väter. Nur er kam für sie als fester „Daddy“ in Frage: Wenn er „ein Ding drehn wollte, dann fühlte ich jedesmal so ein angenehmes Kribbeln“. Das Kribbeln weckt eine Naturbegabung. Und so ziehen sie gemeinsam durch die Lande und den Leuten das Geld aus der Tasche. Die meisten Episoden des Romans lesen sich wie „Lektionen“ aus einem Lehrgang der niederen, mittleren und hohen Kunst unerlaubter Kapitalbeschaffung. Der Spaß an der Einfalt der Gefoppten und am Listspiel des unwiderstehlichen Ganoven-Duos ist manchmal auch unerquicklich, wenn etwa „tränenselige“ Witwen und arme Drugstore-Kassiererinnen dran glauben müssen. Zum Schelmenroman fehlt der Geschichte von Addie und Long Boy das sozialkritische Element. Wenn Addie anfangs die Zeitkulisse der Handlung erläutert: damals, während der Depression, seien die Leute „meistens zufriedener“ gewesen und hätten „mehr Verständnis füreinander“ bekundet, so hört man da die gegenwärtige Nostalgie-Welle plätschern. (Aus dem Amerikanischen von Hermann Stiehl; Rowohlt Verlag, Reinbek; 314 S., 18,50 DM). Egbert Hoehl