Der Kreml hat sich eines Besseren belehren lassen: Zur Zeit praktiziert er nicht mehr die seit vergangenem August gültige Bestimmung, wonach auswanderungswillige Juden eine Art Kopfsteuer zu entrichten haben, ehe sie die Sowjetunion verlassen können. Zumal Akademiker mußten ihre „Flucht aus dem Paradies“, die ohnehin als ein „Verrat“ gewertet wurde, teuer bezahlen: bis zu 90 000 Mark. Die meisten waren dazu nicht in der Lage. So kamen seitdem rund zehn Prozent weniger akademisch ausgebildete Sowjetjuden nach Israel.

Plötzlich hat sich das Blatt gewendet: In der letzten Woche bekamen 45 Emigranten ihre Ausreisepapiere, ohne daß sie zur Lösegeld-Kasse gebeten wurden. Nach unbestätigten Meldungen aus Moskau sollen demnächst sogar alle auswanderungsbereiten Juden die UdSSR verlassen dürfen, die Verwandte im Westen haben. Allein in den Vereinigten Staaten leben 10 000 Familien, die mit sowjetischen Juden verwandt sind.

So plötzlich diese vom Kreml angeordnete „Liberalisierung“ auch erfolgte – sie hat ihre klaren politischen Gründe. Es handelt sich um ein genau kalkuliertes Geschäft: Menschen für Geld. Gerade dieser Tage beschloß nämlich die US-Export- und Importbank, der Sowjetunion einen ersten Kredit einzuräumen. Zudem steht im Kongreß ein vom Weißen Haus vorgelegtes Handelsgesetz zur Debatte, das Zollerleichterungen für sowjetische Waren vorsieht. Zum Verdruß Präsident Nixons hatte der demokratische Senator Jackson eine stattliche Gruppe von Gegnern dieser Gesetzesvorlage um sich scharen können, die als Moskaus Vorleistung die Streichung der „Judensteuer“ verlangten – mit Erfolg, wie sich jetzt zeigte.

Hinter dem sowjetischen Einlenken in der Frage des Kopfgeldes für Israel-Emigranten verbirgt sich aber noch ein anderes Motiv: Der Wunsch der Kremlführung nach Klimaverbesserung. Im Juni will Breschnjew Visite bei Nixon machen. Um sich ein gutes Entree zu verschaffen, zumal in einem Lande mit einer großen, einflußreichen jüdischen Kolonie, war er zu dieser Vorleistung gezwungen.

Ob dieser Morgengabe Moskaus eine Frist gesetzt ist, wird sich zeigen. Es kann durchaus sein, daß es sich wieder nur um ein Entgegenkommen auf Zeit handelt, um „Menschlichkeit auf Raten“. Das war schon einmal so: Als Nixon in Moskau war, verzichteten die sowjetischen Behörden ebenfalls auf die Emigrationssteuer. Bald danach aber hieß es wieder: Wer auswandern will, muß zählen. Schließlich hat Moskau nicht nur auf Washington Rücksicht zu nehmen. Es darf sich auch nicht dem Vorwurf seiner arabischen Freunde aussetzen, das Lager seiner israelischen Feinde zu stärken. Wo es um Macht und Einfluß in der Politik geht, zählen Menschen wenig. D.St.