Von Joachim Nawrocki

Berlin, im März

Weil die hübsche Frau Brigitte immer in blauen heißen Höschen zur Bank kam, schauten die Angestellten am Schalter nicht genau auf das Gesicht hinter ihrer Sonnenbrille. So gelang es ihr, mit gefälschten Unterschriften von einem fremden Konto monatelang Geld abzuheben, weil ihr als Gehaltsbuchhalterin der Kontostand ebenso wie das Aussehen der Kontoinhaberin bekannt waren. Frau Brigitte hatte, so schrieb die Ost-"Berliner Zeitung" in einem Bericht über die Arbeit der Volkspolizei, nach der Scheidung von ihrem Mann den Halt verloren.

Ein Zwanzigjähriger richtete in seiner Arbeitsstätte, einer Druckerei, in ohnmächtiger Wut und mit 2,6 Promille Alkohol im Blut einen Schaden von über 7000 Mark an. Er war verärgert, weil ihm wegen einiger Bummeleien die Prämie gekürzt worden war und er an einen anderen, schlechter bezahlten Arbeitsplatz gestellt wurde. Die Strafkammer des Ost-Berliner Stadtbezirks Mitte befand, es handele sich um ein einmaliges Versagen und verurteilte den jungen Mann zum Schadensersatz sowie zu 15 Monaten Freiheitsentzug auf Bewährung.

"Die Kiste hier, die jeht so mit, die bringt uns 200 Eier ein", flüsterte eines Tages der vorbestrafte "Wiege-Otto" dem Kollegen Hannes in einem Ost-Berliner Betrieb zu. Hannes nickte, kassierte hundert Mark, und wurde dafür zu drei Monaten Freiheitsstrafe mit Bewährung, 150 Mark Geldstrafe und Schadensersatz für die gestohlenen 35 Kilo Cervelatwurst verurteilt. "Die Ursachen hierfür", sagte die Richterin zu Hannes und einem dritten Mitangeklagten, "liegen in Ihrem ungefestigten Bewußtsein." Schließlich hatten sich Hannes und sein Freund Hermann trotz jahrelanger Tätigkeit im Betrieb weder zur Mitgliedschaft in der Gewerkschaft noch zu irgendeiner "gesellschaftlichen Arbeit" überreden lassen.

Alltagsfälle aus der Gerichtspraxis der DDR. Über schwerere Verbrechen, über Raub und Mord, wird fast nie berichtet. Nur gelegentliche Fahndungsmeldungen und die Verbrechensstatistik der DDR weisen darauf hin, daß auch im anderen Deutschland Kapitalverbrechen begangen werden. Aber die Statistiken über die Kriminalität in der DDR sind ziemlich veraltet: Im statistischen Jahrbuch von 1972 sind wieder nur die gleichen Angaben über das Jahr 1970 zu finden, die schon ein Jahr zuvor veröffentlicht wurden. Das läßt darauf schließen, daß die Kriminalität in der DDR, wie schon 1970 und 1969, auch in den letzten Jahren weiter zugenommen hat.

Pro 100 000 Einwohner kam es 1969 in der DDR zu 586 Straftaten, ein Jahr später waren es 620 und 1970 schon 640. In der Bundesrepublik ist die an der Bevölkerungszahl gemessene Kriminalitätsziffer rein statistisch sechsmal höher. Diese große Differenz ist jedoch leicht aus den unterschiedlichen Erfassungsmethoden zu erklären. So haben zum Beispiel die Polizeibehörden der DDR die Neigung entwickelt, unaufgeklärte Straftaten gar nicht erst zu registrieren. Weiterhin werden geringe Eigentumsdelikte, wie Warenhausdiebstähle oder Beleidigungen, Hausfriedensbruch und ähnliches in der DDR nicht als Straftaten geahndet, sondern als Verfehlungen den gesellschaftlichen Gerichten – Konfliktkommissionen und Schiedskommissionen – übergeben. Wirklich vergleichbare Statistiken über die Kriminalität in beiden Teilen Deutschlands gibt es daher nicht.