Das Steigen der Verbrechensquote bereitet der DDR-Justiz offensichtlich Kummer, und zwar nicht allein wegen der damit verbundenen zunehmenden Rechtsunsicherheit. Hohe Kriminalität paßt auch so gar nicht in die Landschaft des Sozialismus, in der nach Abschaffung der "Ausbeuterordnung" dem Verbrechen theoretisch der Nährboden entzogen sein soll. So sah sich jetzt der Generalstaatsanwalt der DDR, Dr. Josef Streit, zu einigen differenzierenden Erklärungen veranlaßt, denen zu entnehmen ist, daß "der Kampf gegen Straftaten auch in den kommenden Jahren ein außerordentlich komplizierter und widersprüchlicher Prozeß bleiben wird".

Kriminalität in Ost und West, meint Streit, seien "zwei nur der Form nach gleiche Erscheinungen". Wer Kriminalität auf die schlechten Anlagen des Menschen zurückführe, sei unwissenschaftlich und menschenverachtend. Kriminalität im Westen habe "die menschenfeindliche sozialökonomische Grundstruktur des Kapitalismus" als Wurzel. Kriminalität in sozialistischen Ländern dagegen entstehe, weil die sozialistische Phase als Vorstufe des Kommunismus – wie Marx es sagte – "noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft".

Der Generalstaatsanwalt, mit der neueren Ideologie der Nach-Ulbricht-Ära gut vertraut, konstatiert wie Chefideologe Kurt Hager, daß es in der DDR noch "Klassen und Schichten" gebe. Durch das Kleineigentum an Produktionsmitteln würden zum Beispiel individualistische und egoistische Auffassungen reproduziert. Sogar in genossenschaftlichen Einrichtungen sieht Josef Streit Ursachen für "gruppenegoistisches Eigentümerdenken und dementsprechende Haltungen". Außerdem würden auch nach dem Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse noch Bewußtseinselemente des Kapitalismus "zählebig nachwirken".

Als weitere Ursache der Kriminalität nennt Streit auch "Aktionen des Imperialismus", der vor allem durch seine Massenmedien für das "Weiterwirken bürgerlicher Ideologie und Lebensweise" sorge und sich vor allem die negative Beeinflussung der Jugend zum Ziel gesetzt habe. Erst zum Schluß der Aufzählung von Kriminalitätsursachen richtet Streit den Blick nach innen, auf den eigenen Staat: Es gäbe auch "in unserem Leben vorhandene Bedingungen", die die Kriminalität begünstigten, nämlich Widersprüche und Konflikte, "die mit der komplizierten Entwicklung und Herausbildung der sozialistischen Gesellschaft zusammenhängen".

Die größte Sorge der DDR-Justiz ist die Jugendkriminalität. Sie ist, gemessen an der Zahl der gesamten Straftaten, mindestens ebenso groß, wenn nicht größer als in der Bundesrepublik. Jeder zweite Straftäter in der DDR ist zwischen 14 und 25 Jahre alt.

Neben diesen Jugendlichen, die in der sozialistischen Gesellschaft nicht den rechten Halt finden, gibt es aber auch gefährliche Kriminelle unter den Jungen und Mädchen der DDR. Vor allem das Rowdytum, oft verbunden mit Alkoholmißbrauch, macht den Justizbehörden der DDR ziemliche Sorgen. So sind kürzlich drei Zwanzigjährige, nach Schnaps und Bier und wieder Schnaps, aus der Umgebung Berlins zum Alexanderplatz gefahren, schlugen dort einem fünfzigjährigen Mann ins Gesicht, griffen einen Altersgenossen an und machten sich schließlich über einen dritten Mann her. Der eine von ihnen, Heinz, attackierte den Mann. "Der Bürger setzte sich zur Wehr; verzweifelt und aussichtslos. Das war das Zeichen für Herbert und Hermann, nun ebenfalls unbarmherzig auf ihr Opfer einzuschlagen", heißt es in einem Gerichtsbericht. Die drei Rowdys, die übrigens – wie fast alle Straftäter – vor Gericht von ihren Arbeitskollegen günstig beurteilt wurden, sind Anfang des Jahres zu je zehn Monaten Gefängnis verurteilt worden.

So wie Rechtsanwalt Kaul ist auch Generalstaatsanwalt Streit für energische Maßnahmen des Staates. Er meint, die Modelle und Programme zur Bekämpfung und Vorbeugung der Kriminalität hätten als Ganzes "unsere Erwartungen nicht erfüllt". Der Trend des Absinkens der Kriminalitätsziffern in einer Reihe von Jahren sei überbewertet worden. Streit fordert deshalb verstärkte Anstrengungen zur Aufdeckung der Kriminalität, schnellere Reaktionen der Verfolgungsbehörden, konsequente Bestrafung und strenge Kontrolle. Und er beklagt, daß die wissenschaftliche Arbeit im Strafrecht und Strafprozeßrecht "zugunsten einer imaginären Rechtspflegewissenschaft vernachlässigt wurde". Die wachsende Kriminalität und der große Anteil der Rückfalltäter geben Streit recht. Sie beweisen, daß die DDR bei der Verbrechensbekämpfung nicht eben sehr erfolgreich war.