Nicht zum erstenmal hat das Bundesverfassungsgericht seinem Karlsruher Nachbarn, dem Bundesgerichtshof, die Verletzung von Grundrechten nachgewiesen. In diesem Fall war die Sache hochpolitisch: Die für den Baader-Meinhof-Komplex zuständigen Bundesrichter hatten den Berliner Rechtsanwalt Otto Schily von der Verteidigung Gudrun Ensslins ausgeschlossen, weil sie ihn verdächtigten, einen Kassiber seiner Mandantin an Ulrike Meinhof weitergeleitet zu haben.

Dieser Verdacht stand von vornherein auf ebenso schwachen Füßen wie die rechtliche Begründung des Verteidiger-Ausschlusses. Für die Leichtfertigkeit, mit der die obersten Straf richter der Republik ihre Entscheidung auf Präjudizien rechtsorientierter Vorgänger am Weimarer Reichsgericht als angebliches „Gewohnheitsrecht“ stützten, war denn auch politisches Opportunitätsdenken die einzig einleuchtende Erklärung.

Die ZEIT schrieb dazu im September 1972, als Schilys Verfassungsbeschwerde gegen seinen Ausschluß eben eingereicht war: „Aber Rechtsanwalt Schily wird, wenn es mit rechten Dingen zugeht, ... in einem Jahr oder später auch Gudrun Ensslin verteidigen dürfen. Denn Bonn ist nicht Weimar, und Karlsruhe ist es nur zur Hälfte. Dort sitzt neben dem Bundesgerichtshof und über ihm das Bundesverfassungsgericht. Es steht ganz und gar außer Verdacht, dem Gewohnheitsrecht deutschnationaler Justizjuristen aus der ersten Republik anzuhängen.“

Unsere Hoffung hat nicht getrogen: Die Verfassungsrichter erklärten die hanebüchene Entscheidung gegen Schily für null und nichtig. Die Kosten des Verfahrens trägt „die Bundesrepublik Deutschland, der die erfolgreich gerügte Grundrechtsverletzung (durch die von ihr angestellten Bundesrichter) zuzurechnen ist.“ H. Sch.