Preisboom bei Rohstoffen stört die Antiinflationspolitik der Regierung Heath

Britanniens konservative Regierung geriet unter heftigen Beschuß. Grund: Trotz Lohn- und Preisstopp klettern die Großhandelspreise weiter in die Höhe. Der Index der Großhandelspreise, der in der Regel entsprechende Bewegungen der Konsumentenpreise vorankündigt, enthält einen großen Teil Rohmaterialien. Deren Preise aber, so wehrten sich die Regierenden, liegen außerhalb ihres Einflußbereichs. Für die Teuerung sei der Weltmarkt verantwortlich, auf dem Großbritannien nur einer von vielen Nachfragern sei.

In der Tat sind praktisch alle Rohstoffe in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres teurer geworden. Am augenfälligsten ist die Preisexplosion bei den Nichteisenmetallen. Kupfer etwa kletterte in eine Höhe, wie sie seit zwei Jahren nicht mehr erreicht wurde. Allein seit Beginn der Heathschen „Eiszeit“ – als die Preise eingefroren wurden – nahm der Londoner Kupferpreis um 200 auf 612 Pfund je metrischer Tonne zu. Zinn zog um 15 Prozent an, Zink um 20 Prozent und Blei ebenfalls um 20 Prozent. Der Boom beschränkt sich aber nicht auf die Metalle; auch Wolle (plus 50 Prozent), Holz (plus 50 Prozent) und Kautschuk (plus 50 Prozent) zogen mit. Mit dieser Preiswelle bei den Rohstoffen ist die nächste Lawine von Preiserhöhungen bei Konsumgütern nur noch eine Frage der Zeit.

Für den unerwünschten Preisboom werden wieder einmal die bösen Spekulanten verantwortlich gemacht – und sie spielen gewiß eine Rolle. An den Gütern selbst sind sie nicht interessiert. Ihre Transaktionen spielen sich nur auf dem Papier ab: Rohstoffe werden „auf Termin“ gekauft – das eigentliche Geschäft soll also erst mehrere Wochen oder Monate später stattfinden. Kurz vor diesem Termin aber wird der „Bestand“ wieder abgestoßen. In Zeiten steigender Rohstoffpreise lassen sich beträchtliche Gewinne erzielen.

Allerdings darf man die Rolle der Spekulanten nicht überschätzen. Denn die Kassakurse (also die Preise bei sofortiger Auslieferung der meisten Rohstoffe) steigen schneller als die Terminkurse. Und das bedeutet, daß die Hauptnachfrage von den tatsächlichen Konsumenten der Güter ausgeht.

Das ist in Zeiten der Währungsunsicherheit freilich auch nicht verwunderlich. Denn die rohstoffverarbeitende Industrie ist eher geneigt, ihre Überschüsse zum Aufbau von Rohmateriallagern zu verwenden, als flüssige Mittel anzuhäufen, die durch Abwertungen dezimiert werden.

Wenn nun aber nur solche Währungssicherung im Spiel wäre, dürften die Preise an der Londoner Warenbörse nicht wesentlich über 13 Prozent hinaufgehen – um diesen Satz wurde das Pfund Sterling seit Juni 1972 abgewertet. Die Teuerungsraten indes sind wesentlich höher. Weder Spekulantengeschäfte noch die Absicherung gegen Währungsrisiken allein vermögen also die Rohstoffverteuerung zu erklären. Der Preisboom an den Warenmärkten hat andere Gründe.