Der Prozentsatz der politisch organisierten Schüler ist gering, besonders unter den Mädchen. Bei uns waren es zwei von fünfundfünfzig Schülerinnen. Ich will hier nicht den Stab brechen über die restlichen dreiundfünfzig: eine davon bin ich selbst.

Ich kann mir wirklich ein besseres System vorstellen als das unsere. Was meine Wunschvorstellungen angeht, so ziehe ich eindeutig eine sozialistische Gesellschaft der kapitalistischen vor – wobei mir hier nicht der sogenannte demokratische Sozialismus der Ostblockländer vorschwebt, sondern ein (bisher noch?) utopischer.

Viele, die meine Meinung teilen, sind in einer der zahlreichen sozialistischen oder kommunistischen Organisationen engagiert. Was mich zunächst davon abhält, einer solchen Splittergruppe beizutreten, ist ihr fataler Hang zum Sektierertum. Beispiel: eine Demonstration verschiedener Organisationen gegen die Verminung nordvietnamesischer Häfen. Wie man mir erklärte, waren die Gründe für die Verurteilung dieser amerikanischen Aktion so unterschiedlich, daß jeder in seinem „Block“ marschierte, selbstverständlich mit den jeweils für diesen Block spezifischen Transparenten. Frage: Wäre es nicht sinnvoller gewesen, sich zu solidarisieren und geschlossen zu demonstrieren?

Das Sektierertum allein würde mich aber nicht daran hindern, einer dieser Gruppen beizutreten. Entscheidend sind vielmehr die Zweifel, die ich an ihrer „Bewußtseinsarbeit“ hege. Es leuchtet zwar ein, daß eine organisierte Massenbewegung unerläßlich ist, um unsere kapitalistische Gesellschaft in eine sozialistische umzuwandeln; aber mir fehlt der Idealismus, daran zu glauben, daß man unter den gegenwärtigen Verhältnissen wirklich ein proletarisch-revolutionäres Bewußtsein bei der Arbeiterschaft erzeugen kann. Schuld daran ist vor allem unsere Wohlstandsideologie.

Hier liegt meiner Meinung nach ein unlösbarer Widerspruch: setzt doch die Verwirklichung des Sozialismus eine Überflußgesellschaft voraus, damit nicht die rein existentielle Not schon sozialistische Gesinnung verhindert. Auf Grund der materiellen Voraussetzungen sind also die kapitalistischen Industrienationen bestens für ein sozialistisches System geeignet, viel besser, als es das zaristische Rußland war. Hand in Hand mit dem Wohlstand aber geht eine Gesinnung des Egoismus, die unter der breiten Masse den Sozialismus als ein Schreckgespenst erscheinen läßt. Angesichts der massiven Beeinflussung durch die übermächtigen Vertreter des kapitalistischen Systems – allen voran die Wirtschaft mit ihren zahllosen psychologischen Tricks – kann ich nicht an das allgemeine revolutionäre Bewußtsein glauben, das immer wieder prophezeit wird.

Daß mit einem leeren Magen eher revoltiert wird als mit einem gut gefüllten, hat sich oft genug gezeigt. Revolutionen werden gemacht, wo es um die eigene Haut geht. Solange die Arbeiterschaft diese gerettet weiß, wird sie sich wohl kaum gegen den Kapitalismus erheben.

Fazit: einer revolutionären Organisation kann ich ebensowenig beitreten wie einer bürgerlichen.