Für die Amerikaner geht der längste und bitterste Krieg ihrer Geschichte nun wohl endgültig zu Ende. Es ist abgemacht, daß die letzten amerikanischen Einheiten und die letzten amerikanischen Kriegsgefangenen in dieser Woche Vietnam verlassen. Künftig wird kein GI mehr in Südvietnam sterben, kein US-Gefangenen mehr in nordvietnamesischen oder Vietcong-Lagern auf den fernen Frieden warten müssen. Der Abschluß des zehn Jahre währenden militärischen Engagements in Vietnam markiert eine tiefe Zäsur.

Noch vor drei Jahren standen über 500 000 amerikanische Soldaten in Südvietnam. Jetzt kehren die letzten heim. Aber die Illusionen, die Amerika in dem fernen und fremden Land verloren hat, sind endgültig zerstört. Vietnam wird auf lange Sicht ein Trauma der Amerikaner bleiben: Symbol für ein nutzloses Engagement, Erinnerung an Niederlagen und Demütigungen, Auslöser für eine tiefe Entzweiung im amerikanischen Volk. Die Heimkehr der Söhne wird den vietnamesischen Alptraum leichter ertragen lassen, sie wird ihn nicht verdrängen können.

Amerika ist des vietnamesischen Krieges ledig, nicht freilich der Verantwortung für die Zukunft Vietnams. Für Präsident Nixon wird die nächste. Zeit möglicherweise erst die große Bewährungs-, probe bringen. Denn der „ehrenvolle Friede“, den er verkündet, kann schnell zum vietnamesischen Bürgerkrieg werden. Nixon wird gute Nerven brauchen. Und sollte die andere Seite die Waffenstillstandsregelungen noch so offensichtlich verletzten – der Präsident darf darauf nicht mit militärischen Vergeltungsmaßnahmen antworten. Die Erfahrungen Amerikas während des letzten Jahrzehnts sollten ihn davor bewahren. D. B.