ARD, Sonntag, 21. März: "Noch einmal mit Gefühl", von Felix Perelzstein und Istvan Bury

Die Nostalgie, sehnsuchtsschweres Lieblingswort unserer Tage, hatte sich ins Sonntagsprogramm hineinemanzipiert, vorbei an Mutter Meysel und Konsorten. Erfolg: man wurde vom Mehltau der Sehnsucht (siehe Nostalgie) nach Heidi Kabel und Gustav Knut! befallen. Denn so spreizfüßig, wie die Nostalgie daherkam, können auch die bunten Abende und Familienserien kaum plattfüßig sein.

In wahllos aneinander geklöppelten schöner. Bildchen wurde hier, nicht ohne Ironie, versteht sich, vorgeführt, daß, wer auf sich hält, heute Tantchens Kleider trägt, Hausmannskost ißt, in alte Bauernhäuser zieht, Platten mit Schnulzigem von Hans Albers bis Rudi Schurike abdudelt. Ei wurde gezeigt, nicht ohne sozialkritisches Stirnrunzeln, versteht sich, daß eine Meute von dummdreisten Geschäftemachern die allgemeine Sehnsucht nach gestern in privates Geld von heute für morgen, umzumünzen versteht. Das war an sich schon ein ziemlich grober Raster, kaum geeignet, zu differenzieren zwischen der Lust am alten Mist, der auch als neue Mode alter Mist bleibt (wie zum Beispiel Rudi Schurike), und den Konditionen eines möglicherweise neuen Verständnisses für etwas, was man zum alten Mist geworfen hatte nach allzu intensiver Anbetung (wie zum Beispiel Wilhelm Furtwängler). Aber warum soll ein Fernsehautor nachdenken, wo es doch Professoren gibt, die immer bereit sind, mit einem Statement alles zu verkleinern und abzusegnen. Da erklärte ein Psychologe vor einer Winterlandschaftsdekoration, daß die Nostalgie blüht, weil der "Haltepunkt im Jenseits" verdorrt ist; da orakelte, aus konzentrierter Schwärze sprechend, ein Politologe, daß hier ein "Symptom für die politische Entwicklung" zu sehen ist, daß nämlich die Nostalgiepflege den "Spielraum für die Kräfte, die der Erhaltung des Status quo dienen" schafft. Klischees über ein Klischee: Manchen mangelt’s viel akuter am Haltepunkt im Diesseits. Petra Kipphoff