Von Wolfram Runkel

Wenn man vom schicken Hotel Alexanderhof nicht hinunter zum See geht, sondern weiter hinauf, sich durch Wald und Gestrüpp einen Weg sucht, kommt man bald zu einer Lichtung auf der ein windschiefes Baräckchen steht, umgeben von ein paar Ställen. Es riecht schon von weitem nach Vieh, Ziegen, Kaninchen, Tauben, Hunden, und von nahem riecht es nach dem Mann, der in dem Baräckchen wohnt, nach Alkohol.

Der Mann ist vielleicht 50, geschieden, hat „die Nase voll von den Menschen“, lebt mit seinen Tieren und seiner alten Harmonika, und von den Almosen, die verirrte Touristen ihm für eine Besichtigung seines Klein-Zoos und ein Harmonika-Solo geben. Ein bißchen Obdachloser, ein bißchen Drop-out, aber auch ein bißchen Almöhi. Wahrscheinlich lebt der Waldmann jetzt nicht mehr auf dieser Lichtung. Als ich beim letzten Besuch den Kurdirektor des Ortes auf den Tierhalter ansprach, erhielt ich die Antwort: „Der kommt da bald weg, der paßt nicht in die Landschaft.“

Paßt er nicht? Oder ist er gerade deshalb so interessant, weil er eigentlich nicht paßt? Er ist (oder war) sozusagen das Spinnennetz in Kärntens guter Stube.

Denn Millstatt, genauer der Millstätter See mit seinen fünf zu einer Ferieneinheit verschmolzenen Orten Millstatt, Obermillstatt, Seeboden, Spittal und Ferndorf ist wirklich eine gute Stube, sauber, proper, und alles ist da für saubere, propere Leute. Auf nahezu jeden Urlauberwunsch kann Kurdirektor Schmee lächelnd wie der Igel im Märchen sagen: „Haben wir schon.“

Das fängt schon bei den Gratisgaben der Natur an. Auf die alte Familienstreitfrage: „Ans Wasser oder in die Berge“, antwortet Millstatt: beides. Natur oder Kultur? Beides. Besinnlich oder sportlich? Beides. Trimm-dich-Fitness: Zu Wasser, zu Lande und in der Höhenluft auf den Bergen. Kurdirektor Schmee setzt seinen Sowohlals-auch-Katalog noch gern fort: „Für jung und alt, für reich und arm.“

Ein Ferienangebot wie in deutschen Ostseeferienzentren. Heiligenhafen – aber auf österreichisch: gemütlich bis bieder. Und: Die einzigen Wolkenkratzer sind die Berge.