Frankfurt

Die Rebellen aus Frankfurts Westend hatten, die Nacht nichtgeschlafen. Bis zum Morgengrauen waren umgekippte Autos als Barrikaden aufgestellt, Fenster und Türen des Hauses Kettenhofweg 51 mit Brettern vernagelt. Es roch nach Benzin, mit dem man Lappen getränkt hatte, um sie gegebenenfalls anzuzünden.

Früh um sechs Uhr morgens warteten 50 Frankfurter Hausbesetzer mutig und müde im ehemals bürgerlichen Kettenhofweg bei viel heißem Tee auf die Polizei, auf Prügel, auf Räumung der im Westend besetzten Häuser. Bürger und Besatzer waren sich sicher: Es würde etwas passieren. Sie rechneten mit einer Antwort darauf, daß ein 50köpfiger Stoßtrupp mit Gebrüll und roter Farbe in Frankfurts SPD-regierten Römer eingedrungen war.

Oberbürgermeister Rudi Arndt erinnerte sich „an die Jahre um 1933“, als der Stürmer-Trupp in einer öffentlichen Sitzung des Bauausschusses mit Megaphon das Wort hatte ergreifen wollen, um den „werten Damen und Herren“ (so der Text der Resolution) Versagen im Vorgehen gegen Spekulanten und Mietwucherer vorzuwerfen. Der Römer-Sturm in der vergangenen Woche, die bisher härteste Attacke der links extremen Wohnungskämpfer im Westend, war in Prügelei zwischen Stadtverordneten und „faschistoiden Terroristen“ (so die Rathaus-CDU) geendet. Als der Sturm vorüber war, sah man die Gedenkgemälde zweier sozialdemokratischer Bürgermeister mit roter Farbe verschmiert – und gleich am nächsten Morgen: notierte eine Frankfurter Tageszeitung pikiert, daß die Römer-Stürmer den Stadtverordneten die belegten Brötchen weggegessen hatten.

Was im Römer passiert war, wurde von Frankfurts Parteien und Zeitungen einmütig als „Angriff auf die parlamentarische Demokratie“ verurteilt. Es war selbst den linken Häuser-Räten im nachhinein nicht mehr ganz geheuer: „Das hatten wir nicht gewollt. Wir wollten doch nur unsere Resolution vorbringen.“ Doch die Westendrebellen – vorwiegend Studenten der benachbarten Universität – sind bereit, ihre Taten nun, da sie vollbracht sind, als Mittel zum Zweck zu heiligen: „Was sind schon ein paar verschmierte Ölgemälde gegen die Zerstörung eines ganzen Stadtteils, gegen die Gewalt und den Terror der Hausbesitzer.“

Sich auf Diskussionen einzulassen ist seit dem „roten Montag“ im Römer keiner mehr bereit. „Unnachgiebiges Vorgehen“, die gemeinsame Forderung aller Rathausparteien, wurde mit Strafanzeigen und düsteren Andeutungen eingeleitet: „Wenn die Hausbesitzer von ihrem Recht Gebrauch machen und die besetzten Häuser räumen lassen, werden wir uns für die Hausbesetzer nicht mehr einsetzen“, kündigte ein Sprecher des Wohnungsamtes an.

Das Zähneknirschen vom Römerberg hatte im Westend schließlich die eilig versammelten Hausbesetzer am Kettenhofweg in Erwartung der Polizei Barrikaden bauen lassen. Und als in derselben Nacht eine Polizeistreife im Auto eines zu den Hausbesetzern zählenden Gerichtsreferendars Molotowcocktails fand, ahnte nicht nur Bild, daß die Baader-Meinhof-Bande als Häuserrat verkleidet wiederauferstanden ist.