Zu einem leidenschaftlichen Meinungskampf entwickelt sich das Vorhaben der SPD- und FDP-Fraktionen im Bundestag, die Schwangerschaftsunterbrechung in den ersten drei Monaten nach der Befruchtung straffrei zu lassen. Damit würde jeder Frau freigestellt, ob sie ein Kind austragen will oder nicht. In England, Schweden und der DDR ist die „Fristenlösung“ bereits Gesetz.

Die Reform des Paragraphen 218 stößt auf den scharfen Widerspruch der katholischen Kirche. Aber auch die Ärzteverbände, die Repräsentanten der evangelischen Kirche und die Mehrheit der CDU/CSU-Fraktion und eine Minderheit der Sozialdemokraten lehnen das Fristenmodell ab.

Als „Kindesmord an Ungeborenen“ hat der Kölner Erzbischof Kardinal Höffner die Fristenlösung eingestuft. Er nannte sie „eine der brutalsten Formen der Herrschaft des Menschen über den Menschen“. Der Bischof von Münster, Tenhumberg, sagte in einem Gottesdienst: „Ich schäme mich für unser Volk, daß solches bei uns geplant werden kann.“ Die Politiker sollten für Zustände sorgen, in denen keine Frau genötigt werde, ihr Kind im Mutterleib zu töten.

Die (katholische) Deutsche Bischofskonferenz empfiehlt eine Klage beim Bundesverfassungsgericht, falls das Gesetz – für das eine Mehrheit im Bundestag nicht völlig sicher erscheint – verabschiedet werden sollte. Die katholische Kirche begründet ihre Ablehnung auch mit Zahlen aus der DDR, die vermuten ließen, daß der Hauptzweck des Gesetzes – Reduzierung der von Kurpfuschern vorgenommenen, oft lebensgefährlichen Abtreibungen – nicht erreicht werde. Die Bistümer wollen demnächst in jeder Gemeinde eine Kontaktstelle für hilfesuchende werdende Mütter einrichten.

Der Berufsverband der deutschen Frauenärzte sieht durch eine Fristenregelung lediglich das Interesse der Frauen gewahrt; hingegen setze man sich über das Recht des werdenden Lebens pauschal hinweg. Trotz vieler Hilfskonstruktionen sei es schwer begründbar, warum das werdende Kind „vor der zwölften Woche weniger Schutz erwarten darf als nach der zwölften Woche.“

Der FDP-Bundestags-Abgeordnete von Schöler nannte die Reaktion der katholischen Kirche eine „erschreckend oberflächliche und teilweise auch diffamierende Kampagne“.

Die den Entwurf verteidigenden Parlamentarier verwiesen auf die Bedeutung der flankierenden Maßnahmen. Dazu gehört, daß künftig die Krankenkassen die Kosten übernehmen sollen, die durch einen ärztlichen Schwangerschaftsabbruch entstehen. Ferner sollen gering Verdienende die Kosten für Verhütungsmittel ersetzt bekommen. Generell wird es aber die „Pille auf Krankenschein“ nicht geben.