Charles Whiting: "Englands Kreuzweg"; aus dem Englischen übertragen von Christian Spiel; Verlag Ullstein, Berlin 1972; 235 S., 28,– DM.

Der Sunday Telegraph nennt es empört das "abschätzigste Buch über Britannien, das seit Goebbels’ Zeiten in Deutschland erschienen ist". Und aus ihrer konservativen, überzeugt britischen Sicht hat die Zeitung nicht einmal unrecht. Denn was der "Historiker, Soldat, Kaufmann und Journalist" Whiting in seinem für deutsche Leser verfaßten Buch über Großbritanniens Irrlauf vom Empire nach Europa zu sagen hat, ist kein Zuckerschlecken für stolze Briten. Aber das ist Geschichte ohnehin nur selten, und der historische Degenerationsprozeß der "Mutter aller Reiche" ist es schon gar nicht.

Abschätzig oder nicht, Charles Whiting gibt jedenfalls kein Pardon. Ohne Weh’ und Klagen markiert er die Stationen der Gefällstrecke einer Nation, die noch zu Beginn dieses Jahrhunderts ein Viertel der Welt beherrschte. Mancher Deutsche mag den britischen Leidensweg nicht ohne Genugtuung verfolgen. Denn was bei uns nach zwei fürchterlichen Schlägen lautstark zerplatzte, verflüchtigte sich in Großbritannien weitaus weniger schmerzhaft, ja fast unmerklich: der Traum vom Weltreich. Aber deutsche Schadenfreude ist fehl, am Platze, ebenso mitunter auch die übersteigerte Ironie des Autors.

Wann begann der britische Blütentraum vom Imperium, in dem die Sonne nicht unterging, zu welken? Wo offenbarten sich die ersten Anzeichen des Verfalls? Charles Whiting glaubt, die Spur des Niedergangs genau nachzeichnen zu können. Für ihn beginnt sie auf dem Berg Spionskop in Transvaal, wo die Engländer am 24. Januar 1900 gegen die Buren "Ohm" Krügers eine überraschende und demütigende Niederlage hinnehmen mußten.

Die abschüssige Bahn führt weiter über die kräfteverzehrende Grabenschlacht an der Somme, das von englischen Offizieren befehligte Blutbad im indischen Amritsar und den irischen Osteraufstand. Natürlich fehlt auch der Zweite Weltkrieg nicht in der negativen Bilanz; doch interessieren Whiting nicht die damit einsetzenden weltpolitischen Kräfteverschiebungen. Er beschreibt einige herausragende Ereignisse wie den britischen Überfall auf die französische Flotte in Oran, die verheerende Niederlage der "Tommys" gegen die Japaner beim Kampf um Singapur und die Konferenz von Teheran, auf der Churchill mehr als eine Demütigung von Seiten Roosevelts und Stalins einstecken mußte.

All diese Episoden und Entwicklungen zerrten ohne Zweifel am Lebensnerv des britischen Imperiums. Aber selbst wenn sie noch so spannend und eindringlich beschrieben sind, sollte man die Bedeutung der herausgehobenen Ereignisse nicht so überbewerten, ihren historischen Effekt nicht so isoliert betrachten, wie es der Autor versucht. Er hat, scheint es, häufig die Symptome mit den Ursachen verwechselt. Geschichte aber läßt sich nur selten reduzieren auf das Versagen eines Mannes, auf den unglücklichen Verlauf einer Schlacht, zumal beim Untergang eines Weltreiches, das so vielen divergierenden und unkontrollierbaren Einflüssen ausgesetzt war, wie das britische.

Vielleicht traf André Siegfried den Kern, als er 1931 in seinem Buch "England’s Crisis" behauptete: "Den Schritt vom 19. zum 20. Jahrhundert zu schaffen, das ist, mit einem Wort, Englands ganzes Problem." Charles Whiting hat versucht, das komplexe Problem aufzulösen in eine scheinbar zwangsläufige Folge spektakulärer Begebenheiten. Seine Analyse ist dementsprechend vordergründig und ungerecht – aber sie ist immer aufregend. Dieter Buhl