Von Klaus-Peter Schmid

An der richtigen Erkenntnis scheint es in Bonn wieder einmal nicht zu mangeln. Bundeskanzler Willy Brandt versicherte in seiner Regierungserklärung vom 18. Januar: „Wenn sich unsere Volkswirtschaft gesund weiterentwickeln soll, muß die Energieversorgung langfristig gesichert sein.“ Ein kluges Wort – auch wenn es bereits die Spatzen von den Dächern pfeifen. Erkenntnisse sind jedoch bekanntlich wenig wert, wenn sie nicht in die Tat umgesetzt werden. Doch auch das scheint der Kanzler genau zu wissen. Er versprach jedenfalls den Parlamentarieren: „Die Bundesregierung wird sich ... besonders der Energiepolitik annehmen.“

Doch vor Gutgläubigkeit wird gewarnt. Leider sieht es ganz danach aus, als seien solche Worte nicht mehr als bloße Bekundungen guten Willens. Wenn in Bonner Ministerien von Energiepolitik die Rede ist, dann denken Beamte wie Politiker in aller Regel an nationale Probleme wie den Kohlebergbau oder die Schwierigkeiten beim Bau von Kernkraftwerken. Viel weiter wird zur Zeit, nicht gedacht – und schon gar nicht gehandelt.

Solche Selbstbescheidung könnte verhängnisvoll für die gesamte deutsche Wirtschaft werden. Es wäre katastrophal, wenn unsere Politiker über der Kohlekrise das große Übel vergessen, das uns allen droht: eine weltweite Energieknappheit. Kommt sie schon in den nächsten Jahren (was viele Experten fürchten), dann trifft sie die Bundesrepublik praktisch unvorbereitet.

Die Amerikaner haben die Vorboten dieser Krise bereits genossen, und nichts garantiert uns, daß es nicht auch bei uns in ein paar Jahren zu Blackouts und Benzinmangel kommt. Es wird mindestens 20 Jahre dauern, bis Erdöl von seinem Platz als Energiespender Nummer eins verdrängt ist – und damit ist die empfindlichste Stelle der deutschen Energieversorgung getroffen.

Je mehr Energie wir verbrauchen, desto mehr Öl müssen wir importieren. Je mehr Öl wir importieren, desto größer wird die Konkurrenz mit anderen Ländern, die sich um die Bohrtürme in Afrika und dem Nahen Osten scharen um ihre; Ration am knappen Rohstoffvorrat zu ergattern. Das sind keine düsteren Zukunftsvisionen, sondern bereits Bilder aus der Gegenwart.

Die USA müssen heute schon über 30 Prozent ihres Rohölbedarfs importieren, die Bundesrepublik 95 Prozent, die Japaner fast 100 Prozent. Genau wie hierzulande weiß man auch in den USA und in Japan, daß der Importbedarf noch beträchtlich steigen wird. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied in den Folgerungen: Amerikaner und Japaner treiben Erdöldiplomatie, in Bonn ist dieser Begriff noch ein Fremdwort.