Von Ossip K. Flechtheim

Wolfram Wette: „Kriegstheorien deutscher Sozialisten: Marx, Engels, Lassalle, Bernstein, Kautsky, Luxemburg – Ein Beitrag zur Friedensforschung“; Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 1971; 255 Seiten, 18,80 DM.

Die Friedensforschung beschäftigt sich mit Recht nicht nur mit der Erscheinung des Krieges selber, sondern auch mit den Theorien und Ideologien über den Krieg. Sie kann man unterteilen in die Theorien der Kriegsursachen und die der Rechtfertigung des Krieges. In seiner kenntnisreichen, gut aufgebauten und sehr lesbaren Dissertation will nun Wette die Kriegstheorien führender Sozialisten – Marx, Engels, Lassalle, Bernstein (des Begründers des Revisionismus), Kautsky (der Theoretiker des orthodoxen Marxismus) und Rosa Luxemburg (die Führerin der radikalen Linken) bei aller Unterschiedlichkeit der Auffassungen auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Um die Schlußfolgerung des Verfassers vorwegzunehmen: Es gibt zwar nicht einen einzigen unbestrittenen spezifischen Faktor für die Verursachung des Krieges; ihm „scheint jedoch der marxistische sozio-ökonomische Ansatz, der bei der Analyse der Kriegsursachen von den gesamtgesellschaftlichen Bedingungen ausgeht, der weitaus scharfsinnigste und erfolgversprechendste zu sein“.

Kein Wunder, daß Wette die These von Marx und Engels, Kriege hätten in letzter Instanz immer ökonomische Ursachen, etwas unkritisch behandelt. Dabei übersieht er etwa, wie wenig spezifisch und operational doch die allgemeinen historisch-materialistischen Aussagen von Marx sind. Wenn Wette erklärt, man müsse die widersprüchlichen gesellschaftlichen (also nicht nur ökonomischen) Verhältnisse erforschen, so dürfte ihm in der Tat wohl kaum jemand widersprechen – ebensowenig wie der Behauptung von Engels, das „in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte“ sei „die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens“, eine Grundwahrheit, zumal wenn man – was Wette nicht erwähnt! – mit dem späten Engels zugibt, daß die Produktion nicht nur die Erzeugung von Lebensmitteln, sondern auch „von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung“, einbegreift.

Anders verhält es sich jedoch mit dem Versuch, den Krieg aus der Produktionsweise abzuleiten. Die zahllosen dynastischen und territorialen Kriege vor der Entstehung des Kapitalismus und während dessen Herrschaft sind eben doch vor allem auch Ausdruck politischer oder persönlicher Konflikte und kaum je solcher zwischen gegensätzlichen Produktionsweisen. Wird diese Hypothese nicht zudem heute sehr nachdrücklich bewiesen durch den sino-sowjetischen Konflikt, über den Wette erstaunlicherweise kein Wort verliert?

Insofern dürften doch wohl die Beiträge von Lassalle, Bernstein und Kautsky, die alle auf Ideologien, psychologische Faktoren usw. als Mitursachen von Kriegen verwiesen haben, weit weniger negativ zu bewerten sein als Wette das tut, zumal auch Marx und Engels, Rosa Luxemburg, vor allem aber auch Karl Liebknecht (den Wette leider nicht behandelt), in ihren konkreten Untersuchungen den nicht-ökonomischen Faktoren erhebliches Gewicht bemessen mußten. Dabei stimmen sie freilich, wie Wette richtig sieht, in einem überein: sie alle lehnen es ab, den Krieg als unvermeidbar anzusehen. Im Gegensatz zu so vielen konservativen Denkern haben sie alle mit Recht den Krieg als geschichtlich-gesellschaftliche Erscheinung erkannt.

Die Sozialisten von Marx bis Luxemburg waren sich auch darin einig, daß der Krieg in der sozialistischen Zukunft einer friedlichen Konfliktlösung weichen würde, wenn auch ihre Haltung zum Krieg als Mittel sozialistischer Politik je nach dem persönlichen Wertmaßstab und dem historischen Standort variiert. Wie Wette ausführt, bejahten Marx und Engels insbesondere den nationalen Befreiungskrieg wie den proletarischen Bürgerkrieg als Vehikel des Fortschritts.